9. Wirkliche Beziehungsfähigkeit und Beziehungsgestaltung im Executive Coaching ist kein Zufall sondern eine zwingend notwendige Kernkompetenz

Vom Bauchgefühl zur Allianz: Warum erfolgreiche Coaching-Beziehungen kein Zufall sind – ein wissenschaftliches Modell professioneller Beziehungsgestaltung im Coaching

Lesedauer: ca. 40 min.

Autor: Dr. Bannwolf Research Team unter der Leitung von Dr. Michael Bannwolf, MBA, 2x M. Sc., HP Psych, DOSB-Trainer-A

Zuletzt fachlich geprüft und aktualisiert am 01.08.2026

Abstract

Keine Überzeugung ist im Coaching-Markt so fest verankert wie diese: Zwischen Coach und Klient muss „die Chemie stimmen“. Der vorliegende Beitrag konfrontiert diese Alltagstheorie mit vier Jahrzehnten Allianzforschung und fünfzehn Jahren coachingspezifischer Empirie und liefert ein doppeltes Resultat. Bestätigt wird die Bedeutung der Beziehung: Die Arbeitsallianz zwischen Coach und Klient ist der am besten belegte Einzelprädiktor des Coaching-Erfolgs (metaanalytisch ρ = .41), stabil über Bewertungsperspektiven und Ergebniskriterien hinweg. Widerlegt wird ihre Deutung als Passungszufall: Persönlichkeitsähnlichkeit zwischen Coach und Klient klärt kaum Ergebnisvarianz auf, während sich Beziehungsqualität aus beobachtbarem, kontingentem und erlernbarem Coach-Verhalten vorhersagen lässt und zwar beginnend mit der ersten Sitzung. Zwei Drittel der Allianz (Ziel- und Aufgabenkonsens) sind ohnehin keine Gefühlszustände, sondern Arbeitsergebnisse expliziter Klärung. Der Beitrag verdichtet die Befundlage zur Allianz-Architektur, einem Vier-Phasen-Modell professioneller Beziehungsgestaltung: Fundament (Dreieckskontrakt, Erwartungsklärung), Aufbau (Konsensarbeit, kalibrierte Präsenz, Vertrauenssignale), produktive Spannung (tragfähige Konfrontation, Bruch-Reparatur) und Ablösung (Autonomieförderung, gestaltetes Ende). Abschließend wird gezeigt, was daraus für das Chemistry Meeting bei der Coach-Auswahl, für die Selbstprüfung praktizierender Coaches und für die Ausbildungslandschaft folgt.

Schlüsselwörter:

Coaching-Beziehung, Arbeitsallianz, Executive Coaching, Vertrauen, Working Alliance, Coach-Klient-Beziehung, Wirkfaktoren

1. Einleitung

Ein Vorstand sucht einen Coach. Die Personalabteilung stellt drei Profile zusammen, es folgen drei Kennenlerngespräche und am Ende fällt die Entscheidung fast immer mit derselben Begründung: Mit diesem Coach hat die Chemie gestimmt. Das Verfahren hat sich als Marktstandard etabliert, es trägt sogar einen eigenen Namen: das Chemistry Meeting. Und es beruht auf einer Annahme, die selten ausgesprochen und noch seltener geprüft wird: dass die Qualität einer Coaching-Beziehung eine Frage der Passung zweier Persönlichkeiten sei — vorhanden oder eben nicht, spürbar in einer Stunde, danach dem Verlauf überlassen.

Diese Annahme ist zur Hälfte richtig. Richtig ist, dass an der Beziehung tatsächlich außerordentlich viel hängt: Ihre Qualität gehört zu den am besten belegten Erfolgsbedingungen des Coachings überhaupt (Graßmann et al., 2020; de Haan et al., 2013). Falsch ist der Fatalismus, der daraus gemacht wird. Die Forschung der letzten fünfzehn Jahre zeichnet ein anderes Bild: Wirksame Coaching-Beziehungen entstehen nicht, sie werden durch Verhalten hergestellt, das sich beschreiben, beobachten und trainieren lässt. Wer die Beziehung der Chemie überlässt, überlässt den Ertrag der gesamten Investition dem Zufall. Bei Honoraren im C-Level-Segment eine erstaunlich sorglose Strategie.

Dass diese Frage mehr als akademisches Interesse verdient, ergibt sich aus der Streuung der Coaching-Ergebnisse. Zwar ist die grundsätzliche Wirksamkeit von Executive Coaching metaanalytisch gut gesichert, mit überwiegend mittleren Effektstärken auf Zielerreichung, Leistung und arbeitsbezogene Einstellungen (Theeboom et al., 2014; Jones et al., 2016; de Haan & Nilsson, 2023). Einzelne Prozesse reichen jedoch von transformativ bis wirkungslos, im ungünstigen Fall bis schädlich (Schermuly & Graßmann, 2019) und ein erheblicher Teil dieser Spannweite geht nach übereinstimmender Einschätzung der Forschung auf die Beziehungsqualität zurück (Sonesh et al., 2015; Graßmann et al., 2020).

Der Beitrag steht in einer Reihe mit einer vorangegangenen Arbeit, die Methodenkompetenz im Executive Coaching als vierdimensionales Konstrukt rekonstruiert hat. Die dort als dritte Dimension benannte prozessuale Beziehungs- und Steuerungskompetenz wird hier eigenständig entfaltet. Er wendet sich dabei gegen zwei Verkürzungen zugleich. Zum einen gegen die technokratische, die Coaching auf Werkzeuge reduziert und die Beziehung zum weichen Nebenschauplatz erklärt und zum anderen gegen die romantische, die sie zur unerklärlichen Chemie verklärt und damit der professionellen Verantwortung des Coaches entzieht. Beide scheitern an der Empirie. Geschrieben ist der Beitrag deshalb für eine doppelte Leserschaft: für Organisationen und Führungskräfte, die vor der Auswahl eines Coaches stehen und wissen wollen, worauf sie tatsächlich achten sollten und für Coaches und Ausbildungsverantwortliche, die Beziehungskompetenz nicht behaupten, sondern entwickeln wollen. Was die Befundlage beiden Gruppen nahelegt, lässt sich in einem Satz sagen: Beziehungsgestaltung ist Handwerk auf wissenschaftlicher Grundlage und dieses Handwerk hat eine erkennbare Architektur. Sie vom Konstrukt über die Evidenz bis zum Phasenmodell und seinen praktischen Konsequenzen zu rekonstruieren, ist das Programm der folgenden Abschnitte.

2. Fragestellung und Vorgehen

Wie lässt sich das, was Praktiker „Beziehung“ nennen, wissenschaftlich fassen? Wie stark und wie verlässlich hängt es mit dem Coaching-Ergebnis zusammen? Und die für Praxis wie Ausbildung entscheidende Frage: Durch welches konkrete Verhalten des Coaches entsteht es? Diese drei Fragen bilden zusammen die Leitfrage des Beitrags: Was konstituiert eine wirksame Beziehung im Executive Coaching, durch welches Coach-Verhalten entsteht sie und in welchem Ausmaß trägt sie zum Ergebnis bei? Die erste Teilfrage ist konstruktbezogen und führt zum Konzept der Arbeitsallianz (Bordin, 1979). Die zweite ist evidenzbezogen und verlangt eine kritische Sichtung der Zusammenhangsbefunde einschließlich ihrer Perspektivenunterschiede. Die dritte ist gestaltungsbezogen und zielt auf ein Modell, das Befunde in Handlungen übersetzt. Zum Vorgehen: Die Analyse stützt sich auf die metaanalytische Evidenz zur Coaching-Wirksamkeit und zur Arbeitsallianz (Theeboom et al., 2014; Sonesh et al., 2015; Jones et al., 2016; Graßmann et al., 2020; de Haan & Nilsson, 2023), auf Feldstudien zur Coach-Klient-Beziehung (Baron & Morin, 2009; de Haan et al., 2013, 2016), auf videobasierte Interaktionsanalysen realer Sitzungen (Ianiro et al., 2013, 2015; Ianiro & Kauffeld, 2014; Gessnitzer & Kauffeld, 2015) sowie auf qualitative und konzeptionelle Arbeiten zur Beziehungsformation (Bluckert, 2005; Gyllensten & Palmer, 2007; Alvey & Barclay, 2007; O’Broin & Palmer, 2010). Wo das Coaching selbst noch keine belastbaren Daten liefert, wird die Psychotherapieforschung als Referenzdisziplin herangezogen. Sie verfügt zur Allianz über die längste Forschungstradition überhaupt (Horvath & Symonds, 1991; Flückiger et al., 2018) und die Bedingungen ihrer Übertragbarkeit auf das Coaching sind in der Literatur ausgearbeitet (McKenna & Davis, 2009; de Haan et al., 2013). Der Beitrag ist damit eine theoriebildende Synthese heterogener Studientypen, keine eigene Effektstärkenberechnung. Was das für die Belastbarkeit der Schlussfolgerungen bedeutet, wird in Abschnitt 5.3 offengelegt.

3. Was die Forschung über die Coaching-Beziehung weiß

3.1 Vom Bauchgefühl zum Konstrukt: die Arbeitsallianz

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit professionellen Entwicklungsbeziehungen beginnt lange vor dem Coaching. Rogers (1957) hielt Empathie, bedingungslose Wertschätzung und Kongruenz für notwendig und hinreichend, um persönliche Veränderung auszulösen. Eine Position, deren Absolutheitsanspruch heute als überzeichnet gilt, deren Kernvariablen aber in praktisch jeder späteren Beziehungskonzeption weiterleben. Den entscheidenden Schritt zur Messbarkeit vollzog Bordin (1979) mit dem pantheoretischen Konzept der Arbeitsallianz: Eine tragfähige Arbeitsbeziehung besteht demnach aus der Übereinstimmung über Ziele (goals), der Übereinstimmung über Aufgaben und Wege (tasks) und der emotionalen Bindung (bond).

Man kann die Sprengkraft dieser unscheinbaren Dreiteilung für die Chemie-These kaum überschätzen. Zwei der drei Komponenten sind keine Gefühlszustände, sondern Arbeitsergebnisse: Zielkonsens und Aufgabenkonsens werden nicht empfunden, sie werden ausgehandelt. Schon auf Konstruktebene beschreibt die Allianz also zu zwei Dritteln methodisches Handeln und nur zu einem Drittel emotionale Resonanz. Auf dieser Grundlage hat die Psychotherapieforschung eine beispiellose Evidenzbasis errichtet. Die jüngste große Synthese aggregiert 295 Studien mit über 30.000 Patienten und beziffert den Allianz-Ergebnis-Zusammenhang auf r = .278 (Flückiger et al., 2018; früh bereits Horvath & Symonds, 1991).

Das Coaching hat dieses Konzept ab den 2000er-Jahren adaptiert und zugleich erweitert. O’Broin und Palmer (2010) beschrieben die Beziehungsformation als wechselseitigen, aber asymmetrisch verantworteten Prozess: Beide Seiten tragen bei, die professionelle Verantwortung für die Qualität liegt beim Coach. Bluckert (2005) benannte die Beziehung früh als kritischen Erfolgsfaktor und zugleich als das am schlechtesten trainierte Element der Coach-Ausbildung, eine Diagnose, auf die zurückzukommen sein wird. Palmer und McDowall (2010) etablierten den Gegenstand mit einem eigenen Sammelband als Forschungsfeld. Executive Coaching fügt dem eine Struktureigenheit hinzu, die der Psychotherapie fremd ist: Die Beziehung ist kein Zweieck, sondern ein Dreieck aus Klient, Coach und beauftragender Organisation, in dem Loyalitäten, Vertraulichkeit und Zielhoheit aktiv geordnet werden müssen (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018).

Im deutschsprachigen Raum hat die Beziehungsfrage einen eigenen Akzent erhalten. Greif (2008) rückte mit der ergebnisorientierten Selbstreflexion die Prozessqualität ins Zentrum und machte damit früh deutlich, dass Wertschätzung und strukturierte Arbeit am Anliegen keine Gegensätze bilden, sondern einander bedingen: Der Klient reflektiert dort am tiefsten, wo er sich sicher fühlt und er fühlt sich dort sicher, wo der Prozess erkennbar geführt wird. Diese doppelte Einsicht nimmt vieles vorweg, was die internationale Interaktionsforschung später verhaltensnah belegt hat, und sie erklärt, warum die deutsche Coaching-Tradition der Entgegensetzung von „Beziehungscoach“ und „Strukturcoach“ von Beginn an skeptisch begegnet ist.

Auch die Messfrage ist geklärt. Gearbeitet wird überwiegend mit Adaptationen des Working Alliance Inventory, das die drei Bordin-Komponenten getrennt erfasst und in Klienten-, Coach- und Beobachterversion vorliegt (Baron & Morin, 2009; Graßmann et al., 2020). Verhaltensbasierte Zugänge haben die Selbstauskunft inzwischen um kodierte Interaktionssequenzen realer Sitzungen ergänzt (Ianiro et al., 2013; Gessnitzer & Kauffeld, 2015). Erst damit wurde beobachtbar, wie eine Allianz entsteht, statt nur, dass sie besteht. Diese methodische Entwicklung ist die Voraussetzung für alles, was Abschnitt 3.3 zu berichten hat.

3.2 Wie eng hängen Beziehungsqualität und Coaching-Erfolg zusammen?

Der Zusammenhang selbst ist inzwischen vielfach geprüft und gehört zu den robustesten Befunden der gesamten Coaching-Forschung. Baron und Morin (2009) zeigten in einer Feldstudie mit Führungskräften, dass die Arbeitsallianz den Effekt der Sitzungsanzahl auf die Selbstwirksamkeitsentwicklung vollständig vermittelt: Nicht die Dosis wirkt, sondern die Beziehung, durch die sie verabreicht wird. De Haan, Duckworth, Birch und Jones (2013) fanden an 156 Coach-Klient-Dyaden die Allianzqualität als stärksten Prädiktor des wahrgenommenen Erfolgs; die Replikation mit über 1.800 Klienten bestätigte dieses Ergebnis und ergänzte es um das vielleicht wichtigste Detail der gesamten Debatte: Die Persönlichkeitspassung zwischen Coach und Klient, also die eigentliche Chemie-Hypothese, klärte kaum Ergebnisvarianz auf (de Haan et al., 2016). Sonesh et al. (2015) sicherten den Beziehungseffekt metaanalytisch auch für härtere Ergebniskriterien ab. Die umfassendste Synthese stammt von Graßmann, Schölmerich und Schermuly (2020): Über 27 Studien korreliert die Arbeitsallianz mit den Coaching-Gesamtergebnissen zu ρ = .41.

Bemerkenswert an dieser Metaanalyse ist neben der Effekthöhe das weitgehende Ausbleiben von Moderatoreffekten: Der Zusammenhang blieb stabil über die Bewertungsperspektive, über affektive, kognitive und verhaltensbezogene Kriterien und über Coaching-Formate hinweg. Beziehungsqualität zählt also nicht in bestimmten Nischen, sondern flächendeckend. Für das Executive-Segment, in dem typischerweise alle Kriterienklassen zugleich beauftragt sind, ein gewichtiges Argument, sie als Querschnittsgröße zu behandeln.

Drei Differenzierungen schärfen das Bild. De Haan, Culpin und Curd (2011) befragten über 100 Coaching-Klienten und fanden, dass diese die Hilfsamkeit des Coachings weit stärker an Beziehungsqualitäten festmachen als an spezifischen Techniken. Weitgehend unabhängig davon, welche Techniken der Coach tatsächlich einsetzt. Gessnitzer und Kauffeld (2015) klärten sodann die Frage, wessen Allianzurteil prognostisch zählt: Erfolgsprädiktiv war die verhaltensnah beobachtbare, von Klientenseite ausgehende Ziel- und Aufgabenübereinstimmung, während die Selbsteinschätzung der Allianz durch den Coach keinen Zusammenhang mit dem Ergebnis aufwies. Ein Coach, der seine Beziehungen für ausgezeichnet hält, kann also systematisch irren. Eine Einsicht mit erheblichen Konsequenzen, die Abschnitt 5.2 aufnimmt. Und schließlich ordnen die Wirkfaktorenmodelle den Befund ein: McKenna und Davis (2009) übertrugen die Wirkfaktorenlogik der Psychotherapie (Lambert & Barley, 2001; Wampold, 2015) auf das Executive Coaching und wiesen der Beziehung neben Klientenfaktoren, Erwartung und Technik einen substanziellen Wirkanteil zu; im Determinantenmodell von Bozer und Jones (2018) firmieren Vertrauen und Beziehungsqualität als eine von acht theoretisch fundierten Stellgrößen der Coaching-Wirksamkeit.

Der kritische Einwand gegen diese Befundlage verdient eine offene Behandlung: Ein Teil der Studien misst sowohl Allianz als auch Erfolg über die Selbstauskunft derselben Person, was den Zusammenhang durch gemeinsame Methodenvarianz überzeichnen kann. Der Einwand trifft die frühen Fragebogenstudien, entkräftet die Gesamtlage aber nicht mehr. Sonesh et al. (2015) sichern den Beziehungseffekt für Kriterien jenseits der Klientenzufriedenheit ab. Baron und Morin (2009) arbeiten mit zeitversetzter Messung und die verhaltensbasierten Studien ersetzen die Selbstauskunft ganz durch Fremdkodierung (Gessnitzer & Kauffeld, 2015; Ianiro et al., 2013). Dass der Zusammenhang über so unterschiedliche Zugänge hinweg bestehen bleibt, gehört zu den stärksten Argumenten für seine Substanz. Die Konvergenz der Methoden ist hier selbst ein Befund.

So gesichert der Zusammenhang ist, so wenig beantwortet er die eigentlich praktische Frage. Dass die Allianz wirkt, sagt noch nicht, wie sie entsteht. Genau dort liegt der Erkenntnisfortschritt der letzten Dekade.

3.3 Woraus entsteht die Allianz? Der Blick in die Sitzung

Die aufschlussreichsten Antworten liefert die Braunschweiger Interaktionsforschung, die reale Coaching-Sitzungen videobasiert kodiert hat. Ianiro, Schermuly und Kauffeld (2013) konnten Allianzqualität und Zielerreichung eines gesamten Prozesses aus dem interpersonellen Verhalten der ersten Sitzung vorhersagen. Konkret aus der Verbindung von Dominanz- und Affiliationssignalen des Coaches. Erfolgreiche Coaches wählten nicht zwischen Freundlichkeit und Führung. Sie zeigten beides zugleich. Ianiro und Kauffeld (2014) fügten hinzu, dass bereits die Stimmung, mit der der Coach die Sitzung betritt, über Verhaltenskaskaden auf die Beziehungsqualität durchschlägt: Selbstregulation ist Beziehungsarbeit, bevor das erste Wort fällt. Und die Sequenzanalysen von Ianiro, Lehmann-Willenbrock und Kauffeld (2015) zeigten, dass Vertrauen in Mikroprozessen wechselseitiger Verhaltensabstimmung wächst. Welche Klientenäußerung der Coach wie beantwortet, entscheidet kumulativ über die Beziehung. Was die Chemie-Metapher als unerklärlichen Funken behandelt, liegt hier seziert auf dem Tisch: kontingentes, beobachtbares, trainierbares Verhalten.

Die qualitative Forschung ergänzt die Innenperspektive der Klienten und sie erzählt dieselbe Geschichte. In der interpretativ-phänomenologischen Analyse von Gyllensten und Palmer (2007) erscheint Vertrauen als Fundamentalbedingung, die Klienten aktiv an Verschwiegenheit, Verlässlichkeit sowie erlebter Kompetenz zu prüfen. Alvey und Barclay (2007) beschrieben den Vertrauensaufbau im Executive Coaching als gestuften Testprozess: Klienten sondieren die Vertraulichkeitsgrenzen, bevor sie karriererelevante Themen öffnen. Die allgemeine Vertrauenstheorie liefert dazu das Raster. Vertrauen speist sich aus wahrgenommener Fähigkeit, wahrgenommenem Wohlwollen und wahrgenommener Integrität (Mayer et al., 1995), drei Dimensionen, die ein Coach gezielt bedienen kann und ein guter Coach gezielt bedient. Die Passungsfrage schließlich wurde von Boyce, Jackson und Neal (2010) direkt geprüft: Erfolgskritisch waren Rapport, Vertrauen und Commitment im Prozess. Demografische Ähnlichkeit und persönliche Gemeinsamkeiten — das klassische Matching-Kriterium — blieben für das Ergebnis weitgehend bedeutungslos. Glaubwürdigkeit schlug Ähnlichkeit, deutlich.

Zur Vollständigkeit gehört die andere Seite der Dyade. Auch der Klient baut die Allianz durch Offenheit, Arbeitsbereitschaft und die Entscheidung, Vertrauen zu riskieren, bevor es vollständig verdient ist, mit. O’Broin und Palmer (2010) beschreiben die Formation folgerichtig als ko-konstruktiven Prozess und in den Wirkfaktorenmodellen stellen Klientenfaktoren den größten einzelnen Wirkanteil überhaupt (McKenna & Davis, 2009). Nur: Aus der Ko-Produktion folgt keine geteilte Verantwortung im gleichen Maß. Der Klient bringt seine Beziehungsfähigkeit als Gegebenheit mit; der Coach hat sie als Beruf. Wenn ein zurückhaltender, misstrauischer oder statusbewusster Klient die Allianzbildung erschwert, ist das für den Coach keine Entschuldigung, sondern die Arbeitsbeschreibung. Die Fähigkeit, auch mit beziehungsschwierigen Klienten tragfähige Bündnisse zu formen, unterscheidet den Profi vom Schönwetter-Coach.

Wer trägt solches Verhalten? Die Attributforschung nennt aktives Zuhören, präzises Fragen und Vertrauensaufbaufähigkeit als konsistenteste Merkmale wirksamer Coaching-Psychologen (Lai & McDowall, 2014). Verhaltenskompetenzen, keine Charaktereigenschaften. Bono et al. (2009) beobachteten ergänzend, dass psychologisch ausgebildete Coaches Beziehungsphänomene wie Widerstand und Abwehr systematischer erkennen und bearbeiten. Beziehungskompetenz setzt offenbar auf diagnostischem Grundlagenwissen auf. Die Motivationstheorie erklärt den Wirkmechanismus: Eine Beziehung, die Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit nährt, setzt Veränderungsmotivation frei (Deci & Ryan, 2000), und strukturierte, ergebnisorientierte Reflexion ist dafür kein Gegenspieler, sondern Ko-Produzent (Greif, 2008). Kombarakaran et al. (2008) fanden in einer Evaluation mit 114 Führungskräften entsprechend beides zusammen wirksamkeitstreibend: tragfähige Beziehung und klare Zielorientierung.

3.4 Die Schattenseiten: zu viel Nähe, zu wenig Spannung

Ein evidenzbasiertes Bild der Coaching-Beziehung braucht auch ihre Risiken und davon sind vier belegt. Eine übermäßig harmonische Beziehung kann die Wirksamkeit untergraben. Vermeidet der Coach um des guten Klimas willen die Konfrontation, degeneriert das Coaching zur wohltuenden, aber folgenlosen Gesprächsroutine; schon die Interaktionsbefunde zeigen, dass Affiliation ohne Führung nicht erfolgreich ist (Ianiro et al., 2013). Beziehungsvermittelte Schäden sind dokumentiert, von emotionaler Abhängigkeit des Klienten bis zur Verstrickung des Coaches in organisationale Mikropolitik (Schermuly & Graßmann, 2019). Die Dreieckskonstellation erhöht dieses Risiko strukturell. Allianzen verlaufen zudem nicht linear: Sie erleben Brüche, und die Psychotherapieforschung belegt, dass nicht deren Vermeidung, sondern deren gelungene Bearbeitung mit dem Ergebnis zusammenhängt (Safran & Muran, 2000; metaanalytisch Eubanks et al., 2018). Spannungen sind Arbeitsmaterial, kein Betriebsunfall, vorausgesetzt, der Coach hat das Handwerk, sie zu erkennen und zu nutzen.

Bemerkenswert ist an den dokumentierten Schadensverläufen ein gemeinsames Muster: Sie beginnen fast nie mit einem Zerwürfnis, sondern mit einem Zuviel des vermeintlich Guten. Die Beziehung wird warm, die Sitzungen werden angenehm, der Coach wird zum verlässlichen Verbündeten und irgendwann arbeitet niemand mehr an dem, wofür das Mandat vergeben wurde. Weil sich dieser Drift für beide Seiten gut anfühlt, wird er von innen kaum bemerkt. Er ist der Grund, warum Prozessevaluation und Supervision nicht Kür, sondern Sicherungsgeschirr sind (Schermuly & Graßmann, 2019; Lai & McDowall, 2014).

Das vierte Risiko ist dem Executive-Segment eigen: die Machtasymmetrie. Topführungskräfte sind gewohnt, Interaktionen zu steuern, Zustimmung zu ernten und Kritik gefiltert zu empfangen. Ein Coach, der sich vom Status seines Klienten in die Rolle des gefälligen Resonanzverstärkers drängen lässt, reproduziert exakt jene Umgebung, die das Coaching durchbrechen sollte (de Haan et al., 2011; Kombarakaran et al., 2008). Auf Augenhöhe zu bleiben, wenn das Gegenüber Augenhöhe nicht gewohnt ist, gehört zu den anspruchsvollsten und zugleich wertschöpfendsten Beziehungsleistungen dieses Berufs. Damit ist der Forschungsstand vermessen: Die Allianz ist das präziseste Konstrukt hinter dem Beziehungsbegriff und zu zwei Dritteln herstellbar. Ihr Ergebniszusammenhang ist metaanalytisch gesichert. Ihre Entstehung folgt beobachtbarem Verhalten, während Ähnlichkeits-Matching und Coach-Selbsteinschätzung als Qualitätsindikatoren enttäuschen und ihre Risiken clustern dort, wo Spannungsfähigkeit fehlt. Was fehlt, ist die Integration in ein Gestaltungsmodell, das diesen Befunden eine zeitliche Ordnung gibt. Diese Aufgabe übernimmt der folgende Abschnitt.

4. Hauptteil: Die Allianz-Architektur

Der Begriff, unter dem die Befunde hier zusammengeführt werden, ist mit Bedacht gewählt: Allianz-Architektur. Ein Bauwerk entsteht nicht durch günstige Witterung, sondern durch Planung, Fundament, Errichtung, Lastprüfung und geordnete Übergabe und in genau dieser Reihenfolge lässt sich professionelle Beziehungsgestaltung beschreiben. Vier Phasen gliedern den Verlauf: Fundament, Aufbau, produktive Spannung, Ablösung. Sie sind analytisch getrennt, praktisch aber überlappend und teilweise zirkulär. Insbesondere die dritte Phase greift regelmäßig auf die Klärungsarbeit der ersten beiden zurück.

4.1 Fundament: Die Beziehung beginnt vor der Beziehung

Was vor der ersten Arbeitssitzung geschieht, wird in der Praxis chronisch unterschätzt, obwohl es über die Statik alles Folgenden entscheidet.

Den Anfang macht der Dreieckskontrakt. Auftraggeber und Klient sind im Executive Coaching selten identisch. Zielhoheit, Berichtswege und Vertraulichkeitsgrenzen gehören deshalb vor Prozessbeginn explizit geordnet (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018). Ein tragfähiger Kontrakt regelt, wer die Ziele definiert und wie Klienten- und Organisationsinteressen gewichtet werden, was der Coach an wen berichtet und was ausdrücklich nicht, wie mit Zielkonflikten verfahren wird, unter welchen Bedingungen der Prozess endet und woran der Erfolg am Schluss bemessen wird. Jede dieser Regelungen wirkt administrativ; tatsächlich ist jede eine Vertrauensinvestition. Die qualitative Forschung zeigt, warum: Klienten testen die Vertraulichkeit, bevor sie sich öffnen (Alvey & Barclay, 2007; Gyllensten & Palmer, 2007). Ein Coach, der die Grenzen seiner Berichtspflicht nicht glasklar benennen kann, hat das Vertrauensspiel verloren, bevor es begonnen hat.

Hinzu kommt das Erwartungsmanagement. Der Erwartung des Klienten kommt ein eigenständiger Wirkanteil zu (McKenna & Davis, 2009). Wer früh ausspricht, was ein Coaching realistischerweise erreichen wird und was außerhalb seiner Reichweite liegt, betätigt also keinen Verkaufsbremsklotz, sondern einen belegten Wirkfaktor und stiftet nebenbei den Bordin’schen Zielkonsens, bevor die erste Sitzung stattfindet.

Zum Fundament zählt auch die Ehrlichkeit über die eigene Passung. So wenig Ähnlichkeit den Erfolg vorhersagt, so real sind harte Indikationsgrenzen: ein Anliegen außerhalb der eigenen Kompetenz, ein Interessenkonflikt im Kundensystem, ein Klient, der kein Coaching, sondern Therapie oder Fachberatung braucht. Der Coach, der in solchen Fällen weiterverweist statt anzunehmen, verliert einen Auftrag und gewinnt das, wovon dieser ganze Abschnitt handelt, nämlich Glaubwürdigkeit. In einem unregulierten Markt ist die begründete Absage eines der wenigen Signale professioneller Integrität, das sich nicht imitieren lässt.

Bleibt das Chemistry Meeting. Die Befundlage legt nicht seine Abschaffung nahe, wohl aber seine Umwidmung: Da Ähnlichkeit das Ergebnis nicht vorhersagt (Boyce et al., 2010; de Haan et al., 2016), sollte das Gespräch weniger der Sympathieprüfung dienen als der Verhaltensbeobachtung: Klarheit der Auftragsklärung, Qualität des Zuhörens, Souveränität der Gesprächsführung, ungefragte Transparenz über Vorgehen und Grenzen. Nicht ob man sich mag, ist das prognostisch gehaltvolle Kriterium, sondern ob der Coach Beziehungsarbeit sichtbar beherrscht.

4.2 Aufbau: Das kritische Fenster der ersten Sitzungen

Die Interaktionsforschung datiert das kritische Fenster des Allianzaufbaus präzise: Aus dem Verhalten der ersten Sitzungen lassen sich Beziehungsqualität und Zielerreichung des Gesamtprozesses vorhersagen (Ianiro et al., 2013). Drei Handlungslinien sind in diesem Fenster empirisch begründbar.

Die erste ist explizite Ziel- und Aufgabenarbeit. Ziel- und Aufgabenkonsens machen zwei Drittel der Allianz aus (Bordin, 1979). Prognostisch zählt die beobachtbare, vom Klienten mitgetragene Übereinstimmung und nicht die gefühlte Nähe (Gessnitzer & Kauffeld, 2015). Die verbreitete Maxime „erst Beziehung aufbauen, dann an Zielen arbeiten“ verkennt darum die Wirkrichtung: Zielarbeit ist Beziehungsarbeit (Grant, 2012; Greif, 2008).

Zur Konsensarbeit gehört ihre Pflege über die Zeit. Ziele veralten etwa durch Fortschritt, durch organisationale Verschiebungen und durch Erkenntnisse aus dem Prozess selbst. Gleichzeitig wird ein Konsens, der in Sitzung eins hergestellt und danach nie wieder berührt wird, in Sitzung acht von Niemandem mehr beachtet. Wirksame Coaches institutionalisieren deshalb die Zwischenbilanz: In festen Abständen wird geprüft, ob Ziele und Vorgehen noch die richtigen sind und gegebenenfalls neu vereinbart. Das kostet wenige Minuten und erneuert zwei Drittel der Allianz, als eine der günstigsten Investitionen, die das Coaching kennt.

Die zweite ist kalibrierte Präsenz. Die Balance aus Zugewandtheit und Führung (Ianiro et al., 2013), die Regulation der eigenen Verfassung vor der Sitzung (Ianiro & Kauffeld, 2014) und die responsive Beantwortung dessen, was der Klient anbietet (Ianiro et al., 2015), bilden das verhaltensbezogene Rückgrat des Vertrauensaufbaus. Selbstregulationskompetenz zahlt hier unmittelbar auf die Beziehung ein; achtsamkeitsbasierte Präsenz ist dafür ein zunehmend empirisch gestütztes Trainingsfeld (Passmore & Marianetti, 2007; Bannwolf, 2024).

Die dritte Linie sind gezielte Vertrauenssignale entlang der drei Dimensionen von Mayer et al. (1995): 1. Fähigkeit durch transparente methodische Begründungen und sichtbare Feldkenntnis (Bluckert, 2005; Bono et al., 2009) 2. Wohlwollen durch erkennbare Parteilichkeit für die Entwicklung des Klienten, nicht für die Agenda des Auftraggebers und 3. Integrität durch strikte Einhaltung dessen, was in Phase 1 vereinbart wurde. Praktisch übersetzt heißt das: ausreden lassen und Gehörtes präzise zusammenfassen, bevor bewertet wird, die eigene Arbeitsweise offenlegen, statt Kompetenz zu behaupten und kleine Vereinbarungen treffen und in der Folgesitzung sichtbar einlösen. Verlässlichkeit ist das schnellste Vertrauenssignal, das ein Coach senden kann. Und: schon früh eine wohldosierte, respektvolle Irritation wagen. Sie kalibriert die Erwartungen für die dritte Phase, solange die Fallhöhe noch gering ist, und zeigt dem Klienten, dass dieses Arbeitsbündnis mehr sein wird als bezahlte Zustimmung.

4.3 Produktive Spannung: Die Beziehung unter Last

Hier trennt sich die angenehme von der wirksamen Beziehung. Coaching, das Entwicklung erzeugen soll, muss konfrontieren und dabei blinde Flecken spiegeln, Selbstbilder befragen und unbequeme Muster benennen. Die Kunst liegt in der Dosierung, und dafür steht das Prinzip der tragfähigen Konfrontation: Die Beziehung muss genau so viel Spannung aushalten, wie die Entwicklung des Klienten erfordert und der Coach muss beides zugleich im Blick behalten. Wer je nach Trainingsplan gearbeitet hat, kennt die Logik: Anpassung entsteht an der Schwelle, Belastung ohne Erholung zerstört, Schonung ohne Belastung stagniert. Beziehungsgestaltung in dieser Phase ist Schwellensteuerung.

Empirisch ruht das Prinzip auf drei Säulen: Reine Freundlichkeit ohne Führung sagt Misserfolg vorher (Ianiro et al., 2013). Klienten erinnern rückblickend gerade die Episoden als wertvoll, in denen der Coach Position bezog und herausforderte. Die als hilfreich erlebten Beziehungsqualitäten schließen Ehrlichkeit und Direktheit ausdrücklich ein (de Haan et al., 2011; Kombarakaran et al., 2008). Und für den Ernstfall liefert die Rupture-Repair-Forschung das Handwerkszeug: Brüche, erkennbar an Rückzug, Themenwechseln, wachsender Förmlichkeit offener Irritation sind anzusprechen, nicht zu überspielen. Ihre metakommunikative Bearbeitung vertieft die Allianz nachweislich (Safran & Muran, 2000; Eubanks et al., 2018).

Konfrontation hat dabei viele Register und die Wahl des Registers ist selbst Beziehungsarbeit. Die präzise Frage, die eine Selbstverständlichkeit zum Einsturz bringt, wiegt oft schwerer als jede direkte Ansage. Das wörtliche Zurückspielen einer Formulierung des Klienten konfrontiert, ohne zu bewerten und die ausgehaltene Stille nach einer ausweichenden Antwort konfrontiert, ohne ein einziges Wort. Direktes Feedback wiederum braucht das Fundament der frühen Phasen. Dieselbe Rückmeldung, die in Sitzung acht als Vertrauensbeweis ankommt, wäre in Sitzung eins ein Übergriff gewesen. Timing und Form der Konfrontation aus dem Zustand der Allianz abzuleiten, nicht aus dem eigenen Temperament: Auch das gehört zur Schwellensteuerung.

Wie das konkret aussieht, zeigt ein typischer Verlauf: Ein Vorstandsmitglied, das über Wochen offen gearbeitet hat, reagiert auf die Konfrontation mit seinem Konfliktvermeidungsmuster plötzlich in Form von kürzeren Antworten und einem verschobenen Termin distanziert. Der methodisch unsichere Coach deutet das als Kalenderproblem und macht weiter. Der beziehungskompetente Coach liest die Distanzierung als Signal, adressiert sie offen („Ich habe den Eindruck, dass unsere letzte Sitzung etwas ausgelöst hat. Lassen Sie uns dort beginnen“) und verhandelt, wenn nötig, Aufgaben und Tempo neu. Erkennen, Ansprechen, Neuverhandeln: Das ist die belegte Reparatursequenz und sie setzt voraus, dass der Coach Beziehungssignale von Ablaufstörungen unterscheiden kann.

In dieser Phase bewährt sich auch das Fundament. Loyalitätskonflikte zwischen Klienten- und Organisationsinteresse treten selten am Anfang auf, aber regelmäßig dann, wenn die Arbeit substanziell und für die Organisation potenziell unbequem wird (Schermuly & Graßmann, 2019). Professionell ist hier der Rückverweis auf die vereinbarten Grenzen des Dreieckskontrakts, nicht die situative Improvisation.

4.4 Ablösung: Das vergessene Ende

Die vierte Phase ist die am dünnsten erforschte und in der Praxis am häufigsten vernachlässigte — dabei entscheidet sie über die Nachhaltigkeit des Ganzen. Ziel des Coachings ist die gestärkte Selbstregulation des Klienten (Greif, 2008; Grant, 2012), nicht die Dauerhaftigkeit der Beziehung. Emotionale Abhängigkeit zählt zu den dokumentierten Schadensbildern (Schermuly & Graßmann, 2019). Das Kriterium liefert die Selbstbestimmungstheorie: Eine gelungene Coaching-Beziehung macht sich planvoll überflüssig, indem sie Autonomie- und Kompetenzerleben des Klienten so weit stärkt, dass externe Unterstützung entbehrlich wird (Deci & Ryan, 2000). Praktisch heißt das Ausblendung statt Abbruch. Größere Sitzungsabstände zum Ende, explizite Bilanzierung gegen die Ziele der Aufbauphase, Verankerung des Gelernten im Führungsalltag (Smither et al., 2003) und ein bewusst gestalteter Abschluss, der punktuelle spätere Zusammenarbeit offenhält, ohne Daueraufträge zu erzeugen. Gegen die geplante Ablösung spricht nicht, dass Entwicklung weitergeht, im Gegenteil, sie spricht dafür. Ein sauber beendetes Coaching kann nach Monaten oder Jahren eine gezielte Auffrischung erhalten, wenn eine neue Rolle, eine Krise oder ein Karriereschritt es nahelegt. Das ist etwas grundlegend anderes als ein Mandat, das mangels definierten Endes einfach nicht aufhört. Man darf die Pointe aussprechen: Da Anbieter ein wirtschaftliches Interesse an unbefristeten Mandaten haben können, ist die professionell gestaltete Ablösung womöglich das ehrlichste Qualitätssignal, das dieses Feld zu vergeben hat.

5. Diskussion

5.1 Einordnung und Reichweite

In der Debatte um allgemeine und spezifische Wirkfaktoren (Lambert & Barley, 2001; Wampold, 2015; McKenna & Davis, 2009) bezieht dieser Beitrag eine präzisierende Position: Die Beziehung ist kein „unspezifischer“ Faktor, der neben der Methode wirkt, sondern ein hochspezifischer Kompetenzbereich, dessen Bestandteile sich benennen, beobachten und trainieren lassen. Wampolds Argument, gerade die allgemeinen Wirkfaktoren seien in höchstem Maße kompetenzabhängig, findet im Coaching seine vielleicht klarste Bestätigung. Ausgerechnet der Faktor, den die Praxis der Chemie zuschreibt, ist derjenige mit der dichtesten Verhaltensevidenz. Zugleich fügt sich die Analyse in das an anderer Stelle entwickelte Modell der Methodenkompetenz ein, dessen dritte Dimension, die prozessuale Beziehungs- und Steuerungskompetenz, hier phasenlogisch ausbuchstabiert wurde.

Nimmt man diese Position ernst, verändert sich auch die Sprache, in der über Coach-Auswahl gesprochen werden sollte. „Die Chemie hat gestimmt“ beschreibt ein Erleben, keine Ursache. Das Erleben von Passung ist häufig bereits das Produkt gelungener Beziehungsarbeit in der ersten Stunde. Der Klient spürt Kompetenz und nennt sie Chemie. Die Umbenennung ist mehr als Semantik: Solange der Markt den Effekt für die Ursache hält, belohnt er Coaches für Eindrucksmanagement statt für Handwerk und Auswahlprozesse messen die falsche Größe an der richtigen Stelle.

Eine weniger offensichtliche Brücke führt zur mentalen Stärke. Tragfähige Konfrontation verlangt Belastbarkeit auf beiden Seiten der Dyade: beim Klienten die Fähigkeit, herausforderndes Feedback als Entwicklungsressource zu nutzen, beim Coach die Fähigkeit, Spannung zu halten, ohne in Beschwichtigung oder Härte auszuweichen. Die Forschung zum Transfer von Mental-Toughness-Konzepten aus dem Spitzensport in das Executive Coaching legt nahe, dass diese wechselseitige Belastbarkeit trainierbar ist und die Beziehung unter Last stabilisiert (Bannwolf, 2022). Eine Verbindung, die in der Allianzforschung bislang kaum vorkommt und eigene Untersuchungen verdient hätte.

Zur Reichweite gehört schließlich die Grenze der Psychotherapie-Analogie. Dreieckskonstellation, nicht-klinische Zielgruppe und ergebnisbezogene Beauftragung verändern die Beziehungsdynamik strukturell. Kontrakt- und Loyalitätsarbeit haben im Coaching einen Stellenwert, den die dyadische Allianzforschung nicht abbildet (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018). Was aus der Psychotherapie stammt, behält darum den Status einer Anleihe. Allerdings einer zunehmend verzichtbaren: Die coachingeigene Evidenz (Graßmann et al., 2020; Gessnitzer & Kauffeld, 2015; Ianiro et al., 2013) trägt das Modell inzwischen weitgehend aus eigener Kraft.

5.2 Was folgt für die Praxis?

Zunächst zu den Klienten selbst, die in Implikationskapiteln gewöhnlich übergangen werden. Wer als Führungskraft ein Coaching beginnt, kann die Allianzbildung aktiv beschleunigen, indem er die eigenen Ziele vorab durchdenkt und offenlegt, statt sie erraten zu lassen, indem er Vorbehalte gegen das Format oder den Coach früh ausspricht, statt sie zu bewirtschaften und indem er Irritationen im Prozess anspricht, sobald sie entstehen. Das Ansprechen eines Bruchs ist keine Beziehungsgefährdung, sondern nachweislich ihr Gegenteil (Eubanks et al., 2018). Vor allem aber darf ein Klient von einem professionellen Coach Beziehungsarbeit erwarten und einfordern. Wer nach fünf Sitzungen freundlicher Gespräche keine Zwischenbilanz, keine Herausforderung und keinen erkennbaren Prozess erlebt hat, sollte nicht an der eigenen Coachability zweifeln, sondern die Beziehungskompetenz des Anbieters prüfen.

Organisationen, die Executive Coaching einkaufen, gewinnen aus der Analyse vor allem eines: ein besseres Chemistry Meeting. Wer dort künftig weniger Sympathie erspürt und mehr Verhalten beobachtet, prüft die tatsächlichen Erfolgsbedingungen. Klärt der Coach Dreieckskontrakt und Vertraulichkeit ungefragt und präzise? Woran macht er fest, dass Ziel- und Aufgabenkonsens tragen? Hat er erkennbares Handwerk für Widerstand, Spannung, Beziehungsbrüche? Und wie hält er es mit dem Ende von Mandaten? Spricht er von Ablösung oder von Begleitung ohne Horizont? Ausweichende Antworten auf diese Fragen sind ihrerseits ein Befund.

Für praktizierende Coaches ist die unbequemste Konsequenz zugleich die produktivste: Der eigenen Beziehungswahrnehmung ist nicht zu trauen. Da die Allianz-Selbsteinschätzung des Coaches das Ergebnis nicht vorhersagt (Gessnitzer & Kauffeld, 2015), gehören strukturierte Klientenrückmeldung, Prozessevaluation und Supervision zur professionellen Grundausstattung (Lai & McDowall, 2014) Beziehungskompetenz zeigt sich, mit einer gewissen Ironie, gerade in der Bereitschaft, dem eigenen Beziehungsgefühl zu misstrauen. Der Kompetenzaufbau selbst folgt den vier Phasen: Kontrakt- und Zielarbeit, Präsenz- und Selbstregulation, Konfrontations- und Reparaturtechnik, Abschlussgestaltung.

Der Ausbildungslandschaft schließlich hält die Analyse Bluckerts (2005) alte Diagnose erneut vor: Die Beziehung ist der am wenigsten trainierte Erfolgsfaktor der Coach-Ausbildung. Das hat einen nachvollziehbaren Grund. Techniken lassen sich in Wochenendmodulen unterrichten, Beziehungsverhalten nur in rückgemeldeter Praxis über lange Zeiträume und genau deshalb taugt es als Unterscheidungsmerkmal zwischen Ausbildungsgängen. Das Material für verhaltensnahes Training liegt inzwischen bereit. Videobasierte Analyse eigener Sitzungen, Mikroverhaltens-Feedback, geübte Reparatursequenzen. Curricula, die Beziehungsgestaltung als Persönlichkeitsgabe behandeln statt als trainierbares Handwerk, verschenken den am besten belegten Wirkhebel des Feldes.

3 Grenzen dieser Analyse und offene Fragen

Drei Vorbehalte begrenzen die Tragweite der vorgestellten Argumentation. Die metaanalytische Allianzevidenz beruht überwiegend auf korrelativen Designs. Ob die Allianz den Erfolg baut oder der frühe Erfolg die Allianz, ist für das Coaching nicht abschließend entschieden (Graßmann et al., 2020). Zentrale Verhaltensbefunde stammen zudem aus kleineren Stichproben mit teils studentischen oder Nachwuchsführungskräfte-Populationen (Ianiro et al., 2013, 2015; Gessnitzer & Kauffeld, 2015). Ihre Geltung im Top-Executive-Segment ist plausibel, aber nicht belegt. Und die Allianz-Architektur selbst ist eine theoriegeleitete Synthese, wobei ihre Bausteine empirisch verankert sind, das Phasenmodell als Ganzes ist es jedoch noch nicht.

Hinzu kommt eine Messproblematik grundsätzlicher Art: Selbstberichtete Allianz und verhaltenskodierte Allianz sind verwandte, aber nicht identische Größen und die Studie von Gessnitzer und Kauffeld (2015) deutet an, dass gerade ihre Differenz, was der Coach glaubt versus was beobachtbar geschieht, die interessanteste Varianzquelle sein könnte. Eine Forschung, die beide Ebenen systematisch parallel erhebt, steht erst am Anfang. Aus denselben Vorbehalten ergibt sich das Forschungsprogramm: sitzungsübergreifende Längsschnitte, die Allianzverläufe samt Brüchen und Reparaturen im Coaching abbilden, Replikation der Interaktionsbefunde im Topmanagement, dessen Machtasymmetrien und Vertraulichkeitsanforderungen eigene Dynamiken erwarten lassen und die Evaluation von Trainingsprogrammen, die Beziehungskompetenz gezielt vermitteln. Besonders die letzte Linie hätte Gewicht: Der Nachweis, dass trainierte Allianz-Architektur die Ergebnisqualität hebt, wäre der Schlussstein im Argument gegen die Chemie-These. Er würde aus dem am besten belegten Wirkfaktor einen planbaren machen.

6. Ergebnisse: Die Leitfrage beantwortet

Am Ende lassen sich die drei Teilfragen des Beitrags bündig beantworten.

Zur Konstruktfrage: Der tragfähigste Kern des Beziehungsbegriffs ist die Arbeitsallianz nach Bordin (1979) (Zielkonsens, Aufgabenkonsens, Bindung), im Executive Coaching erweitert um die Dreieckskonstellation mit der beauftragenden Organisation. Da zwei der drei Komponenten Arbeitsergebnisse expliziter Klärung sind, ist die Beziehung schon per Konstruktion überwiegend herstellbar und nicht bloß vorfindbar.

Zur Evidenzfrage: Der Zusammenhang zwischen Allianzqualität und Coaching-Ergebnis ist mit ρ = .41 metaanalytisch gesichert, über Perspektiven, Kriterien und Formate hinweg stabil (Graßmann et al., 2020) und konvergiert mit Feldstudien (Baron & Morin, 2009; de Haan et al., 2013, 2016) wie mit der psychotherapeutischen Referenzevidenz (Flückiger et al., 2018). Die Chemie-These im engeren Sinne ist dagegen widerlegt: Persönlichkeits- und Ähnlichkeitspassung sagt das Ergebnis nicht vorher (de Haan et al., 2016; Boyce et al., 2010), und die Beziehungseinschätzung des Coaches selbst ist prognostisch wertlos (Gessnitzer & Kauffeld, 2015).

Zur Gestaltungsfrage: Die Allianz entsteht aus beobachtbarem Verhalten im Rahmen von Konsensarbeit, kalibrierter Präsenz, Vertrauenssignalen, dosierter Konfrontation und Bruch-Reparatur und lässt sich als Vier-Phasen-Architektur ordnen: Fundament, Aufbau, produktive Spannung, Ablösung. Jede Phase ist in konkrete Handlungen übersetzbar und damit prüfbar. Für Coaches als Entwicklungsprogramm, für Organisationen als Auswahlraster, für die Ausbildung als Curriculum-Gerüst.

Quer zu diesen drei Antworten liegt ein vierter Ertrag, der sich im Verlauf der Analyse aufgedrängt hat: Die Risiken des Coachings und die Risiken der Beziehung sind weitgehend dieselben. Harmonie-Drift, Abhängigkeit, Verstrickung im Dreieck und die Statusfalle der Machtasymmetrie sind allesamt Beziehungsphänomene und allesamt durch dieselben Mittel beherrschbar, die auch die Wirksamkeit tragen: klare Kontrakte, Spannungsfähigkeit, externe Prüfung der eigenen Wahrnehmung. Beziehungskompetenz ist damit zugleich das wichtigste Sicherungssystem des Coachings. Wer sie prüft, prüft Wirkung und Klientenschutz in einem.

Die Antwort auf die Leitfrage lautet mithin: Die wirksame Beziehung im Executive Coaching ist eine über vier Phasen aktiv gebaute Arbeitsallianz, deren Herstellung, Belastbarkeit und Beendigung in der professionellen Verantwortung des Coaches liegt. Sie ist der stärkste bekannte Wirkhebel des Coachings und sie entzieht sich der Beliebigkeit in dem Moment, in dem man sie als Handwerk ernst nimmt.

7. Schlussbemerkung

Die Chemie-Metapher hat dem Coaching lange einen Dienst erwiesen: Sie hat die Bedeutung der Beziehung im Bewusstsein gehalten. Inzwischen steht sie der Professionalisierung im Weg, denn was Chemie ist, kann man nicht ausbilden, nicht prüfen und nicht verantworten. Die Forschung erlaubt heute eine bessere Erzählung. Vertrauen wächst wie Ausdauer nicht in einer großen Geste, sondern in vielen kleinen, verlässlichen Wiederholungen, deren Wirkung sich summiert. Für Klienten und Organisationen ist das entlastend: Sie müssen nicht auf den Funken hoffen, sie können Kompetenz erkennen. Für Coaches ist es verpflichtend: Der wichtigste Wirkfaktor ihres Berufs ist kein Talent, auf das man sich beruft, sondern ein Handwerk, für das man einsteht. Die Beziehung trägt das Coaching aber nur, wenn jemand sie gebaut hat, der sein Fach versteht.

Der Artikel wurde am 01.08.2026 vom Dr. Bannwolf Research Team zuletzt inhaltlich und fachlich geprüft und weiterentwickelt. Nächster Prüf- und Updatetermin ist der 28.02.2027.

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