Stress, Macht und Erholung an der Spitze: Anforderungen und Ressourcen von Topführungskräften – Wie Executive Coaching wirksam unterstützt
Lesedauer: ca. 30 min.
Autor: Dr. Bannwolf Research Team unter der Leitung von Dr. Michael Bannwolf, MBA, 2x M. Sc., HP Psych, DOSB-Trainer-A
Zuletzt fachlich geprüft und aktualisiert am 01.08.2026
Abstract
Topführungskräfte arbeiten unter einer Belastungskonstellation, die sich von der anderer Berufsgruppen kategorial unterscheidet: extreme Entscheidungsdichte und Verantwortung, permanente Sichtbarkeit, lange Arbeitszeiten, strukturelle Feedback-Armut und ein Erfolgsdruck, der mit jedem erreichten Ziel weiter steigt. Der vorliegende Beitrag ordnet diese Konstellation mit den Mitteln der Stress-, Macht- und Erholungsforschung und fragt, welchen Beitrag Executive Coaching zu ihrer Bewältigung leisten kann. Die Synthese ergibt ein doppeltes Bild. Belastung auf Topebene folgt denselben Gesetzmäßigkeiten wie jede Beanspruchung. Sie entsteht aus dem Verhältnis von Anforderungen, Bewertungen und Ressourcen, wird jedoch durch zwei rollenspezifische Verstärker verschärft: Macht, die das Korrektiv der Umgebung ausdünnt und Erfolg, der Ansprüche ratchetartig nach oben verschiebt, während Erholung als Schwäche kodiert bleibt. Executive Coaching ist für diese Lage nachweislich wirksam. Randomisiert-kontrollierte Studien und Metaanalysen zeigen Effekte auf Wohlbefinden, Resilienz und Stresserleben, aber nur unter Bedingungen: mit sauberer Abgrenzung zur Psychotherapie, mit Bewertungs- statt bloßer Entspannungsarbeit und mit der Bereitschaft, Macht- und Erfolgsdynamiken selbst zum Thema zu machen. Als Ordnungsrahmen wird das Konzept der Beanspruchungssteuerung mit vier Arbeitsfeldern entwickelt: Belastungsdiagnose, Bewertungsarbeit, Erholungskompetenz und Macht-Reflexion. Anschließend zeigt es auf, warum das Coaching dabei eine Funktion übernimmt, die im Umfeld von Topführungskräften sonst niemand mehr innehat: die des externen Korrektivs.
Schlüsselwörter:
Stress, Führungskräfte, Executive Coaching, Belastung, Macht, Resilienz, Erholung, Burnout-Syndrom
1. Einleitung
603.838 Menschen, 25 Studien, ein nüchternes Ergebnis: Wer regelmäßig 55 Stunden und mehr pro Woche arbeitet, trägt ein um 33 Prozent erhöhtes Schlaganfallrisiko und ein um 13 Prozent erhöhtes Risiko koronarer Herzerkrankung (Kivimäki et al., 2015). Arbeitszeiten dieser Größenordnung sind in deutschen Vorstands- und Geschäftsführungsetagen nicht die Ausnahme, sondern die Norm und sie sind nur der messbarste Teil einer Beanspruchungslage, die in der Arbeits- und Gesundheitsforschung lange erstaunlich wenig Beachtung fand. Quick, Gavin, Cooper und Quick (2000) sprachen schon um die Jahrtausendwende von der paradoxen Vernachlässigung der „executive health“. Ausgerechnet die Personengruppe, deren Funktionsfähigkeit über das Schicksal ganzer Organisationen entscheidet, taucht in der betrieblichen Gesundheitsförderung praktisch nicht auf.
Die fünf Begriffe im Titel dieses Beitrags sind dabei nicht als Aufzählung gemeint, sondern als System. Macht, Druck und Erfolg beschreiben die Eingangsgrößen der Topführungsrolle, ob sie wollen oder nicht. Stress und Belastung beschreiben als Ausgangsgrößen das, was daraus im Organismus und im Erleben wird. Zwischen beiden Seiten liegt kein fester Wechselkurs: Dieselben Eingangsgrößen erzeugen bei verschiedenen Personen und unter verschiedenen Bedingungen völlig unterschiedliche Beanspruchung. Genau diese Übersetzungsstrecke und ihre Steuerbarkeit ist der Gegenstand der folgenden Analyse.
Dabei ist die Topführungsrolle beanspruchungstheoretisch ein Sonderfall. Hambrick, Finkelstein und Mooney (2005) haben mit dem Konzept der executive job demands beschrieben, was diese Rolle von anderen unterscheidet: erstens eine Aufgabenlast, die grundsätzlich größer ist als die verfügbare Kapazität, sodass permanent unter Unsicherheit priorisiert werden muss, zweitens Entscheidungen mit hoher Tragweite bei unvollständiger Information und drittens ein Umfeld aus Kapitalmarkt, Aufsichtsgremien und Öffentlichkeit, das Leistung unablässig bewertet. Hinzu kommt, was sich statistisch schwer fassen lässt und in der Beratungspraxis täglich begegnet: die Einsamkeit der Rolle. Je höher die Position, desto weniger Menschen bleiben übrig, mit denen sich Zweifel, Angst oder Überforderung besprechen ließen, ohne politische Nebenwirkungen zu riskieren und desto seltener wird ehrliches Feedback, weil die Umgebung gelernt hat, dass Widerspruch nach oben Kosten hat.
Zur Sachlage kommt eine Kultur, die das Problem versiegelt. In vielen Führungsetagen gilt ein unausgesprochener Code: Belastung wird getragen, nicht thematisiert. Wer nach Unterstützung fragt, weckt Zweifel an seiner Eignung und die Erschöpfung des Chefs ist das letzte Thema, das ein Mitarbeitergespräch, ein Aufsichtsratstermin oder ein Betriebsarztbesuch berühren würde. Hilfe holen ist auf dieser Ebene mit einem Stigma belegt, das in dem Maße wächst, wie die Fallhöhe steigt. Ein Vorstand, dessen Überlastung aktenkundig würde, riskiert real seine Position. Die Folge ist eine Versorgungslücke mit System: Die Gruppe mit der höchsten Beanspruchung hat den schlechtesten Zugang zu den normalen Entlastungswegen.
Genau an dieser Stelle wird das Thema zum Coaching-Thema. Executive Coaching ist häufig der einzige Ort im Arbeitsleben einer Topführungskraft, an dem Belastung ohne Gesichtsverlust ausgesprochen, Macht ohne Risiko hinterfragt und Erfolg ohne Beifall geprüft werden kann. Eine frühere Arbeit dieser Reihe hat die vertraulichkeitsgestützte Vertrauensbasis beschrieben, die diesen Schutzraum trägt. Was dort geschehen kann und was nachweislich wirkt, ist Gegenstand dieses Beitrags. Er verbindet dazu vier Literaturen, die selten zusammen gelesen werden: die Forschung zu den spezifischen Anforderungen von Topführungsrollen, die psychologische Machtforschung, die allgemeine Stress- und Erholungsforschung sowie die Interventionsevidenz des Coachings.
2. Fragestellung
Die Fragen dieses Beitrags bauen aufeinander auf, und es lohnt sich, die Kaskade offen zu legen. Was genau ist das Belastende an der Topführungsrolle — ist es nur „viel Arbeit“ oder hat die Beanspruchung dort eine eigene Struktur? Wenn sie eine eigene Struktur hat: Welche Rolle spielen dabei Macht, die das soziale Umfeld verformt und Erfolg, der die Maßstäbe verschiebt? Wie erklärt die Stressforschung, warum dieselbe Anforderungslage den einen wachsen lässt und den anderen aushöhlt? Und schließlich, praktisch gewendet: Kann Executive Coaching an diesen Mechanismen nachweislich etwas ändern — und wenn ja, woran genau muss es dafür arbeiten? Zusammengefasst lautet die Leitfrage: Welche spezifische Beanspruchungsstruktur kennzeichnet Topführungsrollen, durch welche Mechanismen wirken Macht, Druck und Erfolg auf sie ein, und welchen empirisch belegten Beitrag kann Executive Coaching zu ihrer Steuerung leisten?
Methodisch ist der Beitrag eine integrative Literatursynthese. Herangezogen werden die Forschung zu executive job demands und Führungsgesundheit (Hambrick et al., 2005; Quick et al., 2000; Kivimäki et al., 2015), die sozialpsychologische Machtforschung (Keltner et al., 2003; Magee & Galinsky, 2008; Anderson & Brion, 2014; Sherman et al., 2012), die Stress-, Burnout- und Erholungsforschung (Lazarus & Folkman, 1984; Hobfoll, 1989; McEwen, 1998; Demerouti et al., 2001; Maslach et al., 2001; Sonnentag & Fritz, 2007) sowie die Interventionsevidenz des Coachings einschließlich randomisiert-kontrollierter Studien (Grant et al., 2009; Gyllensten & Palmer, 2005; Theeboom et al., 2014; de Haan & Nilsson, 2023). Eigene Daten werden nicht erhoben; die Grenzen der Synthese werden in der Diskussion behandelt.
3. Forschungsstand
3.1 Topführung ist eine eigene Belastungsklasse
Die Anforderungsseite der Topführungsrolle ist gut beschrieben. Das Konzept der executive job demands (Hambrick et al., 2005) bündelt drei Quellen: Aufgabenanforderungen (Komplexität, Volumen, Zeitdruck), Leistungsanforderungen (die Härte, mit der Ergebnisse bewertet werden) und Anspruchsanforderungen (die Erwartungen mächtiger Stakeholder). Bemerkenswert an diesem Modell ist seine Kernaussage: Unter hohen job demands verändert sich die Qualität des Entscheidens selbst. Führungskräfte greifen stärker auf Heuristiken, Erfahrungsmuster und Imitation zurück, weil für gründliche Analyse die Kapazität fehlt. Belastung ist auf dieser Ebene also nicht nur ein Gesundheitsthema, sondern ein Governance-Thema: Ein chronisch überlasteter Vorstand trifft messbar andere strategische Entscheidungen als ein beanspruchungsgesteuerter.
Die gesundheitliche Seite ergänzen die epidemiologischen Befunde. Neben den zitierten Risiken langer Arbeitszeiten (Kivimäki et al., 2015) beschreibt die Forschung zur allostatischen Last, wie chronische Aktivierung ohne Erholungsfenster physiologische Systeme umbaut — von Blutdruckregulation über Immunfunktion bis Schlafarchitektur (McEwen, 1998). Charakteristisch für Führungsrollen ist dabei nicht die Spitzenbelastung, sondern die Dauerbereitschaft: Erreichbarkeit, Verantwortung und Bewertungsdruck kennen keine Sperrstunde. Und schließlich die soziale Seite: Mit steigender Hierarchiehöhe sinkt die Zahl der Personen, denen gegenüber Schwäche folgenlos bleibt, und die Qualität des Feedbacks verfällt . Nach oben wird gefiltert, geschönt und geschwiegen. Die Rolle produziert damit systematisch genau die Bedingungen wie soziale Isolation der Belastungsthemen und fehlendes Korrektiv, unter denen Fehlbeanspruchung chronifiziert, bevor jemand sie bemerkt.
Ein oft übersehener Anforderungstyp verdient eigene Erwähnung: die permanente Sichtbarkeit. Topführungskräfte agieren unter Beobachtung, denn jede Äußerung kann zitiert, jede Regung gedeutet, jeder Fehler skaliert werden. Sozialpsychologisch bedeutet das Dauer-Selbstregulation: Emotionen werden kontrolliert, Zweifel maskiert, Spontaneität gefiltert und diese Impression-Management-Arbeit läuft zusätzlich zur eigentlichen Sacharbeit, ohne je in einer Stellenbeschreibung aufzutauchen. Sie erklärt ein Phänomen, das Praktiker gut kennen: die eigentümliche Erschöpfung nach Tagen, an denen „nichts Anstrengendes“ stattfand außer Repräsentation, Gremien und Gesprächen, so dass die verdeckte Regulationsarbeit maximal war.
Zwischenfazit: Die Beanspruchung von Topführungskräften ist nicht graduell höher, sondern strukturell anders. Sie verbindet objektive Überlast mit Bewertungsdruck, Dauerbereitschaft und dem Verlust der sozialen Umgebungen, in denen Belastung normalerweise besprochen und korrigiert wird.
3.2 Macht verändert ihren Träger — in beide Richtungen
Die Machtforschung fügt dem Bild einen Mechanismus hinzu, der in Belastungsdebatten regelmäßig fehlt. Nach der Approach-Inhibition-Theorie aktiviert Macht das Annäherungssystem: Machthaber handeln schneller, optimistischer, risikofreudiger und stärker an eigenen Zielen orientiert, während Statusniedrigere gehemmter und vigilanter agieren (Keltner et al., 2003). Für die Belastungsfrage hat das zwei gegenläufige Konsequenzen. Die entlastende zuerst, denn sie ist empirisch gut belegt und kontraintuitiv: Macht kann vor Stress schützen. Sherman et al. (2012) fanden bei realen Führungskräften niedrigere Cortisolwerte und geringere Angstniveaus als bei Nicht-Führungskräften. Alles wird über das Kontrollerleben vermittelt, das mit der Position einhergeht. Wer entscheiden darf, statt Entscheidungen zu erleiden, trägt physiologisch leichter.
Die Vermittlung über das Kontrollerleben präzisiert zugleich, wo der Schutz endet. Er gilt für Macht mit Handlungsspielraum, nicht für Verantwortung ohne Kontrolle. Eine Vorständin, die Ergebnisse verantwortet, deren Treiber sie aufgrund von Regulatorik, Marktverwerfungen und Konzernvorgaben nicht steuern kann, hat die Lasten der Position ohne ihren physiologischen Puffer. Das erklärt, warum sich Beanspruchung innerhalb derselben Hierarchieebene dramatisch unterscheiden kann und warum Rollenzuschnitt und faktische Entscheidungsmacht in jede Belastungsdiagnose gehören. Nicht der Titel schützt, sondern der Spielraum.
Dieselbe Dynamik hat jedoch eine zweite, tückischere Seite. Macht reduziert nachweislich die Perspektivenübernahme und erhöht die Selbstüberschätzung (Anderson & Brion, 2014). Zugleich stabilisiert sich Hierarchie selbst, weil die Umgebung Machthabern zustimmt, ausweicht und Informationen vorfiltert (Magee & Galinsky, 2008). Auf die Beanspruchung übertragen heißt das: Der Machthaber verliert schleichend die Instrumente, mit denen andere Menschen ihre Fehleinschätzungen korrigieren und dabei auch die Fehleinschätzung der eigenen Belastbarkeit. Die Signale, die bei anderen längst Alarm auslösen würden (Widerspruch, Rückmeldung, besorgte Nachfragen), erreichen ihn abgeschwächt oder gar nicht. Macht wirkt damit wie ein Analgetikum: Sie dämpft den Schmerz der Überlast, ohne ihre Ursachen zu beseitigen, so dass subjektive Souveränität und objektive Erosion jahrelang parallel laufen können.
An dieser Stelle gehört auch der Erfolg in die Gleichung. Erfolg validiert die eigenen Muster („so wie ich es mache, funktioniert es offenbar“), erhöht die externen Erwartungen für die nächste Runde und verschiebt die internen Maßstäbe mit. Was gestern Höchstleistung war, ist heute Baseline. Diese Anspruchsratsche ist keine Charakterschwäche, sondern die natürliche Verbindung aus Verstärkungslernen und steigenden Stakeholder-Erwartungen (Hambrick et al., 2005); problematisch wird sie, weil sie die Anforderungsseite der Beanspruchungsgleichung kontinuierlich anhebt, während die Ressourcenseite unbewirtschaftet bleibt.
Wie sehr sich beide Machtwirkungen im Alltag verschränken, zeigt das Beispiel der Entscheidungslast. Das Kontrollerleben macht die einzelne Entscheidung leichter (Sherman et al., 2012) — aber die Rolle multipliziert ihre Zahl und unter chronischer Überlast verschiebt sich das Entscheiden in Richtung Heuristik und Muster (Hambrick et al., 2005). Der Machthaber erlebt sich also souverän, während seine Entscheidungsqualität leise erodiert und niemand im gefilterten Umfeld hält ihm den Befund entgegen. Was von außen wie Hybris aussieht, ist häufig schlichter ein Regelkreis ohne Rückkopplung.
Zwischenfazit: Macht puffert akuten Stress über Kontrollerleben und untergräbt zugleich die Korrekturmechanismen, die vor chronischer Fehlbeanspruchung schützen; Erfolg verschärft die Lage, indem er die Ansprüche schneller hebt als die Ressourcen.
3.3 Beanspruchung entsteht aus Bewertung und Ressourcen, nicht aus Anforderungen allein
Warum dieselbe Anforderungslage den einen trägt und den anderen zermürbt, erklärt die Stressforschung seit Lazarus und Folkman (1984) mit dem Bewertungsgeschehen: Beansprucht wird, wer eine Situation als bedrohlich und die eigenen Mittel als unzureichend einschätzt. Stress ist eine Transaktion zwischen Person und Umwelt, kein Reiz. Die Unterscheidung von Herausforderungs- und Hindernisstressoren präzisiert das für den Arbeitskontext: Anforderungen, die als bewältigbar und bedeutsam bewertet werden, gehen mit Motivation und Leistung einher, während Hindernisse wie Rollenkonflikte, Politik und Unklarheit nahezu ausschließlich Kosten erzeugen (Cavanaugh et al., 2000; metaanalytisch LePine et al., 2005). Schon die klassische Aktivierungsforschung wusste zudem, dass der Zusammenhang von Anspannung und Leistung einem Umkehr-U folgt (Yerkes & Dodson, 1908): Mehr Druck hilft bis zu dem Punkt, an dem er es nicht mehr tut.
Die Ressourcenseite systematisieren zwei Theoriefamilien. Die Conservation-of-Resources-Theorie beschreibt Stress als drohenden oder eingetretenen Ressourcenverlust und erklärt die gefürchteten Abwärtsspiralen: Wer erschöpft ist, hat weniger Mittel, um weitere Verluste abzuwehren (Hobfoll, 1989). Das Job-Demands-Resources-Modell zeigt komplementär, dass Anforderungen vor allem dann in Erschöpfung münden, wenn Ressourcen in Form von Handlungsspielraum, Unterstützung und Erholung fehlen und dass Burnout am Ende dieses Weges steht (Demerouti et al., 2001; Bakker & Demerouti, 2017; zum Burnout-Syndrom Maslach et al., 2001). Für die Erholungsseite schließlich liefert die Recovery-Forschung den entscheidenden Einzelbefund: Erholung wirkt vor allem über psychologisches Abschalten und meint das gedankliche Loslassen der Arbeit in arbeitsfreier Zeit. Allerdings ist genau dieses Abschalten bei hoher Arbeitsplatzbelastung am stärksten beeinträchtigt (Sonnentag & Bayer, 2005; Sonnentag & Fritz, 2007). Die Erholung versagt also bevorzugt dort, wo sie am nötigsten wäre. Bei permanenter Verantwortung stellt sie ein strukturelles und kein persönliches Versagen.
Wo die Steuerung dauerhaft versagt, beschreibt die Burnout-Forschung den Endzustand präzise: emotionale Erschöpfung, wachsende innere Distanz bis zum Zynismus und der Verlust des Wirksamkeitserlebens (Maslach et al., 2001). Für Führungskräfte ist an dieser Trias vor allem die zweite Komponente tückisch, weil sie sich als Professionalität tarnt. Die „nüchterne Distanz“, mit der ein erschöpfter Manager seine Organisation betrachtet, kann bereits Symptom sein. Die Gegenposition zur Erschöpfung wiederum ist nicht Unverwundbarkeit, sondern Resilienz: die Fähigkeit, unter widrigen Bedingungen funktionsfähig zu bleiben und sich von Rückschlägen zu erholen ist kein festes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein dynamischer Prozess aus Bewertungen, Ressourcen und erlernbaren Strategien (Fletcher & Sarkar, 2013). Genau diese Prozesshaftigkeit macht sie zum legitimen Gegenstand von Entwicklung statt zur Frage der Veranlagung.
Zwischenfazit: Beanspruchung ist steuerbar, weil sie an drei Stellschrauben hängt: der Bewertung der Anforderungen, der Bewirtschaftung der Ressourcen und der Qualität der Erholung. Keine dieser Stellschrauben stellt sich auf Topebene von selbst richtig.
3.4 Coaching wirkt auf Wohlbefinden und Widerstandskraft — unter Bedingungen
Bleibt die Interventionsfrage und hier ist die Evidenz besser, als viele Skeptiker vermuten. Die Metaanalyse von Theeboom et al. (2014) weist für Coaching neben Leistungs- auch substanzielle Wohlbefindens- und Bewältigungseffekte aus (g = 0,46 bzw. 0,43). Die randomisiert-kontrollierte Studie von Grant, Curtayne und Burton (2009) wurde mit Führungskräften des Gesundheitswesens unter realem Reorganisationsdruck durchgeführt und zeigte nach nur vier Monaten Coaching erhöhte Zielerreichung und Resilienz, gesteigertes arbeitsbezogenes Wohlbefinden sowie reduzierte Depressions- und Stresswerte. Gyllensten und Palmer (2005) fanden quasi-experimentell Hinweise auf sinkende Angst- und Stresswerte bei gecoachten Beschäftigten. Und die RCT-Metaanalyse von de Haan und Nilsson (2023) sichert den Gesamtbefund auf dem konservativsten verfügbaren Evidenzniveau ab. Ergänzend belegt die Trainingsforschung, dass Resilienz gezielt entwickelbar ist und die stärksten Effekten durch individualisierte, eins-zu-eins begleitete Formate erreicht (Robertson et al., 2015; konzeptionell Fletcher & Sarkar, 2013). Die organisationale Achtsamkeitsforschung dokumentiert breite Wirkungen kontemplativer Verfahren auf Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Stresserleben (Good et al., 2016; Passmore & Marianetti, 2007).
Aus dem Leistungssport kommt schließlich ein Befundstrang, der für das Executive-Segment besondere Anschlussfähigkeit besitzt: die Forschung zur mentalen Stärke. Sie beschreibt die Fähigkeit, unter hohem Druck Leistungsniveau, Konzentration und Zuversicht zu halten, als messbares und trainierbares Konstrukt (Clough et al., 2002; Gucciardi et al., 2015), und die Transferforschung zeigt, dass sich ihre Trainingsprinzipien in Form von systematischer Druckexposition mit Reflexion, Routinen der Selbstregulation und Umgang mit Rückschlägen in das Executive Coaching übersetzen lassen, sofern die Übersetzung die Kontextunterschiede zwischen Wettkampf und Führungsalltag ernst nimmt (Bannwolf, 2022). Wichtig ist die Abgrenzung nach beiden Seiten: Mentale Stärke ist weder das Härte-Ideal, das Erholung verachtet, noch ein Ersatz für die strukturelle Arbeit an Anforderungen und Ressourcen. Sie ist die personale Komponente eines Gesamtsystems.
Ebenso klar benennt die Literatur die Bedingungen. Erstens die Indikationsgrenze: Coaching ist Prävention und Entwicklung, nicht Behandlung. Bei klinisch relevanter Symptomatik (Depression, Angststörung, manifestes Burnout-Syndrom) ist Psychotherapie indiziert und die Fähigkeit, diese Grenze zu erkennen, entscheidet über den Schutz des Klienten (Bachkirova, 2011; Schermuly & Graßmann, 2019). Zweitens die Interventionstiefe: Reine Entspannungs- oder Zeitmanagement-Rezepte greifen zu kurz, weil sie die Bewertungs- und Anspruchsdynamik unberührt lassen, an der die Beanspruchung hängt; wirksames Belastungscoaching arbeitet an Kognitionen, Zielen und Selbstregulation (Grant et al., 2009; Greif, 2008; Grant, 2012). Drittens die Autonomiebedingung: Verordnetes Coaching gegen den Willen des Klienten verletzt das Autonomieerleben, auf dem Veränderungsmotivation beruht (Deci & Ryan, 2000).
Der Vollständigkeit halber sei auch benannt, was diese Evidenz nicht hergibt. Die Stichproben der Interventionsstudien bestehen überwiegend aus freiwilligen Teilnehmern. Über die Wirkung bei jenen, die Unterstützung am nötigsten hätten und am wenigsten suchen, sagen sie wenig. Die Nachbeobachtungszeiträume sind meist kurz. Ob die Effekte die nächste Krise überdauern, ist seltener geprüft. Und Wohlbefindensmaße beruhen auf Selbstauskunft mit den bekannten Verzerrungen. Diese Einschränkungen relativieren den Befund nicht, aber sie kalibrieren ihn: Die Evidenz trägt die Aussage „Coaching kann Beanspruchung nachweislich verbessern“ — nicht die Aussage „Coaching löst das Problem zuverlässig“.
Zwischenfazit: Für belastungsbezogenes Executive Coaching liegt Wirksamkeitsevidenz bis hinauf zum RCT-Niveau vor — vorausgesetzt, es respektiert die Grenze zur Therapie, arbeitet an Bewertungen statt an Symptomen und bleibt ein freiwilliges Format.
4. Hauptteil: Beanspruchungssteuerung — vier Arbeitsfelder des belastungsbezogenen Executive Coachings
Führt man die vier Befundstränge zusammen, ergibt sich ein klares Anforderungsprofil an das Coaching: Es muss die strukturell andersartige Belastungslage der Topebene erfassen (3.1), die verdeckenden Effekte von Macht und Erfolg kompensieren (3.2), an Bewertungen und Ressourcen ansetzen statt an Symptomen (3.3) und sich dabei innerhalb seiner belegten Wirksamkeitsbedingungen bewegen (3.4). Das hier vorgeschlagene Konzept der Beanspruchungssteuerung ordnet diese Anforderungen in vier Arbeitsfelder. Der Begriff ist bewusst technisch gewählt: Es geht nicht darum, Belastung zu beklagen oder wegzuatmen, sondern sie zu steuern wie jede andere unternehmerische Größe unter Einsatz von Diagnose, Zielwerten, Maßnahmen und Kontrolle.
4.1 Arbeitsfeld 1: Belastungsdiagnose — die Lage ehrlich vermessen
Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme, die diesen Namen verdient. Sie erfasst die Anforderungsseite (Aufgaben-, Leistungs- und Anspruchslast im Sinne von Hambrick et al., 2005), die Ressourcenseite (Handlungsspielräume, Unterstützungsstrukturen, Erholungsfenster) und die Beanspruchungsfolgen (Schlaf, Konzentration, Reizbarkeit, Rückzug, Leistungsschwankungen). Zwei Besonderheiten unterscheiden diese Diagnose von einer gewöhnlichen Anamnese. Die erste: Sie muss mit systematischer Selbstunterschätzung rechnen. Wenn Macht das Belastungserleben dämpft (Sherman et al., 2012) und Erfolg die eigenen Muster validiert, ist die Selbstauskunft „alles im Griff“ wenig diagnostisch. Belastbarer sind Verhaltensdaten wie Kalenderrealität, Erreichbarkeitsmuster und Erholungsverhalten sowie die Außenperspektive des privaten Umfelds. Die zweite Besonderheit ist die Weichenstellung zur Therapie: Die Abklärung, ob eine klinisch relevante Symptomatik vorliegt, gehört an den Anfang und nicht ans Ende des Prozesses; sie erfordert die diagnostische Kompetenz, die eine frühere Arbeit dieser Reihe als erste Dimension der Methodenkompetenz beschrieben hat (Bachkirova, 2011; Schermuly & Graßmann, 2019). Beanspruchungssteuerung beginnt mit der Frage, ob Coaching überhaupt das richtige Instrument ist. In der Praxis hat sich für den Einstieg eine einfache Gegenüberstellung bewährt: die Woche, wie der Klient sie beschreibt, neben der Woche, wie der Kalender sie zeigt. Die Differenz zwischen beiden — vergessene Abendtermine, die „Ausnahmen“, die sich als Regel erweisen, die Erholungszeiten, die auf dem Papier existieren und real kannibalisiert werden — ist häufig der erste Moment, in dem ein erfolgsverwöhnter Klient seine Lage nicht referiert, sondern sieht. Diagnose auf dieser Ebene ist keine Befragung, sondern eine Konfrontation mit den eigenen Daten. Sie respektiert die Intelligenz des Klienten, indem sie ihm Evidenz statt Ermahnung anbietet.
4.2 Arbeitsfeld 2: Bewertungsarbeit — an den Maßstäben arbeiten, nicht nur am Kalender
Das zweite Arbeitsfeld setzt an der wirkmächtigsten Stellschraube an: der Bewertung. Die transaktionale Stresstheorie (Lazarus & Folkman, 1984) und die Challenge-Hindrance-Forschung (LePine et al., 2005) legen nahe, Anforderungen daraufhin zu sortieren, was an ihnen Herausforderung (bedeutsam, bewältigbar, entwicklungshaltig) und was Hindernis ist: (vermeidbare Politik, ungeklärte Rollen, selbstgemachte Perfektionsstandards). Für Topführungskräfte gehört in dieses Feld vor allem die Arbeit an der Anspruchsratsche. Hierzu zählt die Prüfung, welche Erwartungen tatsächlich von außen gesetzt sind und welche der Klient längst selbst gegen sich wendet sowie die Unterscheidung zwischen dem, was die Rolle verlangt, und dem, was das Selbstbild verlangt. Es folgt die bewusste Definition von „genug“ für Bereiche, in denen Maximierung nichts mehr beiträgt. Ergebnisorientierte Selbstreflexion (Greif, 2008) und zielfokussierte Selbstregulation (Grant, 2012) liefern das methodische Gerüst. Die RCT-Evidenz zeigt, dass genau diese kognitive Arbeitsebene die Stress- und Wohlbefindenseffekte trägt (Grant et al., 2009). Entlastung durch Einsicht ist keine Esoterik, sondern sie ist der am besten belegte Wirkpfad des Belastungscoachings.
Wie diese Arbeit konkret aussieht, sei an einem typischen Muster skizziert. Ein Geschäftsführer, der drei Ergebnisrekorde in Folge verantwortet hat, erlebt das vierte Jahr als permanentes Ungenügen und das nicht weil die Zahlen schlecht wären, sondern weil sein Maßstab mitgewachsen ist und inzwischen jede Woche als verloren gilt, in der nichts Außerordentliches gelingt. Die Coaching-Arbeit besteht hier nicht darin, den Anspruch zu senken (das würde der Klient zu Recht zurückweisen), sondern ihn zu differenzieren: Wo ist Maximierung tatsächlich wertschöpfend, wo ist sie Gewohnheit und wo zerstört sie die Grundlagen künftiger Leistung? Aus dem undifferenzierten „mehr“ wird ein Portfolio bewusster Anspruchsniveaus und aus dem Dauerungenügen ein steuerbares Anforderungsprofil.
4.3 Arbeitsfeld 3: Erholungskompetenz — Regeneration als Leistungsdisziplin
Das dritte Arbeitsfeld überträgt die Recovery-Forschung in den Führungsalltag. Im Spitzensport ist die Sache entschieden: Kein Trainer der Weltklasse behandelt Regeneration als Schwäche, im Gegenteil, sie ist der Teil des Trainings, in dem die Anpassung stattfindet und wer sie streicht, verliert nicht Härte, sondern Leistungsfähigkeit. Im Topmanagement gilt vielerorts die umgekehrte Kultur: Erholung ist Privatsache, Erschöpfung Ehrenzeichen und Dauerpräsenz Loyalitätsbeweis. Die Forschung ist auf Seiten des Sports. Psychologisches Abschalten sagt Erholungsqualität voraus (Sonnentag & Bayer, 2005; Sonnentag & Fritz, 2007), chronische Aktivierung ohne Erholungsfenster hat physiologische Kosten (McEwen, 1998; Kivimäki et al., 2015) und Ressourcenverluste ziehen weitere nach sich (Hobfoll, 1989). Coaching-Arbeit in diesem Feld heißt deshalb: Erholung wird geplant wie ein Vorstandstermin mit festen Abschaltfenstern mit Erreichbarkeitsregeln, Schlaf als bewirtschaftete Größe, Bewegung als Standing Item, mikroskopische Erholung im Tagesverlauf statt der Fiktion des kompensierenden Sabbaticals. Eine tragfähige Wochenstruktur enthält typischerweise drei Bausteine: mindestens ein vollständig arbeitsfreies Zeitfenster von substanzieller Länge, dessen Verletzung als Vorfall behandelt wird und nicht als Normalität; definierte Übergangsrituale zwischen Arbeits- und Privatmodus, weil Abschalten ohne Übergang bei hoher Verantwortung nicht von selbst geschieht (Sonnentag & Bayer, 2005) und eine Vertretungsregelung, die Erreichbarkeit tatsächlich entbehrlich macht, statt sie nur zu verlagern. Nichts daran ist raffiniert — raffiniert ist nur, es gegen die eigene Gewohnheit und die Erwartung des Umfelds durchzuhalten. Achtsamkeitsbasierte Verfahren haben hier ihren evidenzbasierten Platz als Training der Abschalt- und Aufmerksamkeitsfähigkeit (Good et al., 2016; Bannwolf, 2024). Und weil Verhaltensänderung an Identität scheitert, nicht an Kalendern, gehört die Umdeutung zum Kern des Feldes: Erholungskompetenz ist keine Konzession an die Schwäche, sondern eine Führungsleistung mit Vorbildwirkung für die gesamte Organisation. Diese Vorbildwirkung ist dabei mehr als ein rhetorisches Argument: Das Erholungsverhalten der Spitze setzt den faktischen Standard des Hauses. Ein Vorstand, der nachts um zwei E-Mails versendet, definiert die Erreichbarkeitsnorm für tausend Menschen, gleichgültig, was die Betriebsvereinbarung sagt. Wer die eigene Regeneration ordnet, betreibt insofern immer auch Organisationsentwicklung.
4.4 Arbeitsfeld 4: Macht-Reflexion — das externe Korrektiv institutionalisieren
Das vierte Arbeitsfeld ist das rollenspezifischste, und es macht den Unterschied zwischen Belastungscoaching für Führungskräfte und Belastungscoaching für Topführungskräfte. Wenn Macht die Perspektivenübernahme senkt, die Selbstüberschätzung erhöht (Anderson & Brion, 2014) und die Umgebung das Feedback filtert (Magee & Galinsky, 2008), dann fehlt dem Machthaber strukturell das, was jeden anderen Menschen vor der Entgleisung seiner Selbstbilder schützt: ein Gegenüber ohne Angst und ohne Agenda. Diese Funktion — hier als externes Korrektiv bezeichnet — stellt an den Coach eine Anforderung, die selten ausgesprochen wird: Statusfestigkeit. Wer einem Vorstand widersprechen soll, darf von dessen Status nicht beeindruckbar sein — weder eingeschüchtert noch geschmeichelt. Beides neutralisiert die Korrektivfunktion auf dieselbe Weise. Diese Festigkeit ist keine Attitüde, sondern das Ergebnis von eigener fachlicher Substanz, wirtschaftlicher Unabhängigkeit vom einzelnen Mandat und ausreichend eigener Erfahrung mit Leistungsdruck, um weder zu bewundern noch zu bagatellisieren. Übernehmen kann die Funktion strukturell ohnehin nur das Coaching und zwar als einziger Akteur im System. Der Coach hängt nicht in der Hierarchie des Klienten, verdankt ihm keine Karriere, konkurriert nicht um seine Position und ist durch Vertraulichkeit und Loyalitätsklarheit gebunden. Praktisch umfasst die Arbeit in diesem Feld die regelmäßige Prüfung der eigenen Wahrnehmung gegen Daten und Außenperspektiven, die Analyse der Frage, welches Feedback den Klienten strukturell nicht mehr erreicht und wie er es sich organisiert, die Reflexion der eigenen Wirkung auf das Umfeld. Wer widerspricht mir noch und was habe ich mit denen gemacht, die es nicht mehr tun? Ebenso bedarf es der bewussten Kultivierung von Gegenmacht im eigenen System: starke Stellvertreter, unabhängige Gremien, institutionalisierter Widerspruch. Mentale Stärke, richtig verstanden, gehört in dieses Feld statt in das Arsenal der Härte: Sie ist die Fähigkeit, unter Druck handlungsfähig zu bleiben und sich zugleich in Frage stellen zu lassen: Kontrolle über die eigene Reaktion zu auszuüben, ohne immun gegen Rückmeldung zu sein (Clough et al., 2002; Gucciardi et al., 2015; Bannwolf, 2022).
Drei Prüffragen strukturieren dieses Arbeitsfeld im Prozess: Wann hat mir zuletzt jemand aus dem eigenen Haus in einer wichtigen Sache widersprochen und was ist ihm danach passiert? Welche meiner Überzeugungen über mich selbst habe ich in den letzten zwölf Monaten anhand von Daten geprüft statt anhand von Zustimmung? Und: Wenn meine Belastung objektiv kritisch wäre, wer in meinem Umfeld würde es mir sagen und auf welchem Weg? Klienten, die auf die dritte Frage keine Antwort haben, haben das Kernproblem dieses Beitrags verstanden.
4.5 Das Zusammenspiel der Felder
Die vier Arbeitsfelder bilden eine Steuerungsschleife: Die Diagnose liefert die Lage, die Bewertungsarbeit justiert die Anforderungsseite, die Erholungskompetenz bewirtschaftet die Ressourcenseite und die Macht-Reflexion hält den Korrekturkanal offen, über den Fehlentwicklungen künftig früher sichtbar werden. Keines der Felder ist für sich neu. Ihre Pointe liegt in der Reihenfolge und in der Adressierung. Wer mit Erholungstechniken beginnt, ohne die Anspruchsratsche bearbeitet zu haben, produziert Klienten, die effizienter regenerieren, um noch mehr zu leisten. Die Beanspruchungsspirale dreht sich dann schneller, nicht langsamer. Und wer Bewertungsarbeit betreibt, ohne das Macht-Feld zu berühren, kuriert die Symptome eines Systems, das die Fehlwahrnehmung täglich neu erzeugt. Beanspruchungssteuerung ist deshalb als Gesamtprogramm zu denken, dessen Elemente einander bedingen und dessen Erfolg sich messen lässt: an Erholungsindikatoren, an Verhaltensdaten, an der Rückkehr von Widerspruch ins Umfeld des Klienten. Die Messbarkeit verdient dabei denselben Ernst wie in jedem anderen Steuerungssystem in Form von vereinbarten Kennzeichen zu Beginn (Schlafqualität, Abschaltfähigkeit, Kalenderdisziplin, Feedbackdichte), Zwischenständen im Verlauf und einer Bilanz am Ende. Ein Belastungscoaching, das seine Wirkung nicht prüft, wiederholt auf der Prozessebene genau den Fehler, den es auf der Klientenebene bearbeitet: Es verlässt sich auf das Gefühl, dass schon alles im Griff sei.
5. Ergebnisse
Die in den Zwischenfazits der Abschnitte 3.1 bis 3.4 festgehaltenen Teilbefunde lassen sich nun zur Antwort auf die Leitfrage bündeln. Die Beanspruchungsstruktur der Topführungsrolle ist eigener Art: Sie kombiniert chronische Überlast und Bewertungsdruck mit zwei rollenspezifischen Verstärkern: Macht, die das Belastungserleben dämpft und das soziale Korrektiv ausdünnt und Erfolg, der die Ansprüche schneller hebt als die Ressourcen. Die Mechanismen sind bekannt und theoretisch gut beschrieben: Beanspruchung entsteht transaktional aus Bewertungen und Ressourcen, chronifiziert über gestörte Erholung und entzieht sich auf Topebene der Selbstkorrektur, weil die üblichen Rückmeldesysteme versagen. Executive Coaching kann an diesen Mechanismen nachweislich ansetzen — die Evidenz reicht bis zu randomisiert-kontrollierten Studien mit Stress-, Resilienz- und Wohlbefindenseffekten —, sofern es als Beanspruchungssteuerung angelegt ist: diagnostisch fundiert, an Bewertungen und Ansprüchen arbeitend, Erholung als Leistungsdisziplin etablierend und die Macht- und Erfolgsdynamik ausdrücklich zum Gegenstand machend. Seine vielleicht wichtigste Funktion ist dabei nicht technischer, sondern struktureller Natur: Es stellt das externe Korrektiv wieder her, das die Rolle ihren Inhabern systematisch entzieht.
Zwei Klarstellungen gehören zum Ergebnis. Der Beitrag behauptet nicht, dass Coaching die Antwort auf klinische Zustandsbilder wäre — die Grenze zur Psychotherapie ist konstitutiv, nicht verhandelbar. Und er behauptet nicht, dass individuelle Beanspruchungssteuerung strukturelle Ursachen ersetzt: Eine Governance, die Rollen chronisch überlädt, wird durch resiliente Rolleninhaber erträglicher, aber nicht gesund. Coaching optimiert die personale Seite der Gleichung, während die organisationale Seite Führungs- und Aufsichtsaufgabe bleibt.
6. Diskussion
Was bedeutet dieser Befund und wo endet seine Tragweite? Zunächst zur theoretischen Einordnung: Der Beitrag verbindet die Belastungs- mit der Machtforschung — eine Verbindung, die beide Seiten schärft. Die Stressforschung behandelt ihre Modelle als hierarchiefrei gültig, übersieht damit aber, dass ihre zentralen Schutzmechanismen wie soziale Unterstützung, ehrliches Feedback, und folgenloses Klagen statusabhängig verfügbar sind. Die Machtforschung wiederum diskutiert Perspektivenverlust und Selbstüberschätzung meist als Führungs-, selten als Gesundheitsproblem. Die Topführungsrolle ist der Ort, an dem beide Defizite zusammenfallen und das Coaching der Ort, an dem sie gemeinsam bearbeitbar werden. In die Serienlogik dieser Beiträge fügt sich das nahtlos: Die Beanspruchungssteuerung konkretisiert, was das zuvor entwickelte Kompetenzmodell für ein spezifisches Anliegen bedeutet und das externe Korrektiv ist die belastungsbezogene Anwendung des dort beschriebenen Schutzraums aus Vertraulichkeit und Loyalitätsklarheit.
Eine zweite Einordnung betrifft das Verhältnis zum Leistungsanspruch selbst, denn hier lauert ein Missverständnis. Die Analyse plädiert an keiner Stelle für weniger Ehrgeiz. Die Challenge-Hindrance-Forschung zeigt ja gerade, dass hohe, als bewältigbar bewertete Anforderungen mit Motivation und Leistung einhergehen (LePine et al., 2005). Druck ist nicht der Feind und ein Executive Coaching, das Topleistung auf Normalmaß dimmen wollte, würde seine Klientel zu Recht verlieren. Der Gegner ist präziser bestimmt: die unbewirtschaftete Beanspruchung als Hindernisstressoren, die niemand ausräumt, Ansprüche, die niemand prüft, Erholung, die niemand verteidigt. Beanspruchungssteuerung ist die Bedingung dauerhafter Höchstleistung, nicht ihre Alternative. Sie verhält sich zum Leistungsanspruch wie die Statik zum Hochhaus.
Praktisch verschiebt die Analyse einige gewohnte Akzente. Für Organisationen bedeutet sie, Belastungscoaching für die Spitze nicht als Wellness-Zugeständnis zu betrachten, sondern als Governance-Instrument: Wenn chronische Überlast die strategische Entscheidungsqualität messbar verändert (Hambrick et al., 2005), ist die Beanspruchungslage des Vorstands eine Risikoposition wie jede andere, mit dem Unterschied, dass sie in keinem Risikobericht auftaucht. Ein Aufsichtsrat, der dreistellige Millionenbeträge an Strategieberatung freigibt, aber die Regenerationsfähigkeit derer, die die Strategie verantworten, dem Zufall überlässt, hat seine Prioritäten nicht zu Ende gedacht. Für Führungskräfte selbst liegt die unbequemste Einsicht im Macht-Kapitel: Das Gefühl, die Lage im Griff zu haben, ist auf Topebene kein verlässlicher Indikator. Es kann Ausdruck von Kontrolle sein oder Ausdruck eines Umfelds, das gelernt hat zu schweigen. Wer sich auf sein Belastungsempfinden allein verlässt, navigiert mit einem Instrument, das die eigene Rolle systematisch verstimmt. Und für Coaches schließlich hebt die Analyse die Anforderungen: Belastungsarbeit mit Topführungskräften verlangt stress- und gesundheitspsychologisches Grundlagenwissen, klinische Grenzkompetenz und die Souveränität, Macht- und Erfolgsthemen anzusprechen, die der Klient selbst nicht auf die Agenda setzen würde. Ein Anbieter, der auf die Frage nach seiner Abgrenzung zur Psychotherapie keine präzise Antwort hat, ist für dieses Anliegen nicht qualifiziert, unabhängig davon, wie eindrucksvoll sein übriges Profil ist.
Bleibt die Standortfrage: Wo gehört belastungsbezogenes Executive Coaching institutionell hin? Es liegt quer zu den etablierten Zuständigkeiten. Für das betriebliche Gesundheitsmanagement ist die Zielgruppe zu exponiert und das Format zu individuell, für die klassische Führungskräfteentwicklung ist das Thema zu gesundheitsnah und die arbeitsmedizinische Vorsorge erreicht diese Ebene faktisch nicht. Diese Zwischenlage ist kein Mangel, sondern die Existenzberechtigung des Formats: Executive Coaching ist das einzige Instrument, das Gesundheit, Leistung und Führungsrolle in einem vertraulichen Rahmen zusammen bearbeiten kann, statt sie auf drei Zuständigkeiten zu verteilen, von denen keine greift. Organisationen, die das verstanden haben, verankern entsprechende Angebote nicht im Gesundheitsprogramm, sondern in der Governance der Führungsrollen selbst.
Kein Befund dieser Synthese ist stärker als die Studien, auf denen er ruht, und drei Schwachstellen seien offen benannt. Die Interventionsevidenz stammt überwiegend aus Studien mit mittleren Führungsebenen und Fachkräften. Für Vorstände und Geschäftsführer im engeren Sinne existieren kaum kontrollierte Designs, sodass die Übertragung auf die Spitze plausibel begründet, aber nicht direkt belegt ist. Die Machtbefunde beruhen zu erheblichen Teilen auf Experimental- und Querschnittsdaten. Wie sich Machtwirkungen über Jahre in realen Karrieren akkumulieren, ist längsschnittlich kaum untersucht. Und das Konzept der Beanspruchungssteuerung selbst ist eine theoriegeleitete Ordnung belegter Bausteine, jedoch nicht als Gesamtprogramm evaluiert. Daraus folgt die Forschungsagenda beinahe von selbst: kontrollierte Studien zu belastungsbezogenem Coaching im Topsegment mit objektiven Beanspruchungsindikatoren (Schlafdaten, Herzratenvariabilität, Cortisol), Längsschnitte zur Interaktion von Macht, Feedback-Umgebung und Gesundheitsverlauf sowie die Evaluation strukturierter Programme gegen aktive Kontrollbedingungen.
7. Schluss
Macht schützt vor Stress und macht zugleich blind für ihn. Erfolg belohnt die Muster, die auf Dauer krank machen können und die Rolle, die am meisten trägt, ist am schlechtesten mit Korrektiven ausgestattet. Das ist, in einem Satz, die Beanspruchungslage der Unternehmensspitze. Nichts daran ist Schicksal. Bewertungen lassen sich prüfen, Ressourcen bewirtschaften, Erholung organisieren und Korrektive institutionalisieren. Die Werkzeuge dafür sind erforscht und ihre Wirksamkeit ist belegt. Was es dazu braucht, ist eine Entscheidung, die niemand der Führungskraft abnehmen kann: die eigene Leistungsfähigkeit nicht länger als unerschöpflich zu behandeln, sondern als das, was sie ist: die wertvollste und zugleich verletzlichste Ressource, über die sie verfügt. Wer Milliardenwerte steuert, sollte die Steuerung der eigenen Beanspruchung nicht dem Zufall überlassen. Verantwortung für andere beginnt mit Verantwortung für sich.
Der Artikel wurde am 01.08.2026 vom Dr. Bannwolf Research Team zuletzt inhaltlich und fachlich geprüft und weiterentwickelt. Nächster Prüf- und Updatetermin ist der 28.02.2027.8. Literatur
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