Zwischen Eigentum, Führung und Familie: Die besondere Logik des Executive Coachings für Familienunternehmer – Führung mit Familiengeschichte
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Autor: Dr. Bannwolf Research Team unter der Leitung von Dr. Michael Bannwolf, MBA, 2x M. Sc., HP Psych, DOSB-Trainer-A
Zuletzt fachlich geprüft und aktualisiert am 01.08.2026
Abstract
Familienunternehmer führen unter Bedingungen, die kein Lehrbuch des Managements vollständig abbildet: Sie sind zugleich Führungskraft, Eigentümer und Familienmitglied, und jede dieser Rollen folgt einer eigenen Logik mit eigenen Loyalitäten, Zeithorizonten und Erfolgsmaßstäben. Die Familienunternehmensforschung hat dieses Kraftfeld präzise vermessen — vom Drei-Kreise-Modell über das Konzept des sozioemotionalen Vermögens bis zur Nachfolgeforschung —, während die Coaching-Forschung ihre Modelle fast ausschließlich an angestellten Managern börsennotierter oder konzerngebundener Organisationen entwickelt hat. Der vorliegende Beitrag schließt diese Lücke konzeptionell. Ausgehend von einer typisierten Fallkonstellation sichtet er die Besonderheiten von Familienunternehmen — Systemüberlagerung, emotionale Vermögensbindung, Nachfolgedynamik, das Beratergefüge um Family Offices — und leitet daraus ab, wie Executive Coaching für diese Klientel konzipiert sein muss: mit systematischer Rollen-Kartierung statt impliziter Rollenvermischung, mit Zielarbeit, die das sozioemotionale Vermögen ausdrücklich bilanziert, mit der Nachfolge als Doppelprozess von Loslassen und Hineinwachsen und mit Kontraktarchitekturen, die der Auftraggeberrolle von Family Offices gerecht werden. Die Ergebnisse werden in einer Synopse verdichtet, drei typische Beratungsszenarien diskutiert und die Grenzen zu Familientherapie und Mediation markiert. Sichtbar wird ein Coaching-Feld mit eigenem Anforderungsprofil — und ein erhebliches Qualitätsgefälle zwischen Anbietern, die dieses Profil beherrschen, und solchen, die Konzernrezepte auf Familiensysteme übertragen.
Schlüsselwörter:
Familienunternehmen, Family Office, Executive Coaching, Unternehmernachfolge, sozioemotionales Vermögen, Unternehmerfamilie, Inhaberführung
1. Einleitung
Beginnen wir mit einer Konstellation, wie sie in der Beratungspraxis in Varianten immer wieder auftritt — hier typisiert und in allen Details anonymisiert. Ein Maschinenbauunternehmen in dritter Generation, gut 800 Beschäftigte. Der geschäftsführende Gesellschafter, 71, hat die Übergabe an seine Tochter, 38, promovierte Ingenieurin, vor drei Jahren „eingeleitet“; sie führt seither den Titel der Co-Geschäftsführerin und wartet auf Entscheidungen, die weiterhin am Schreibtisch des Vaters fallen. Das nach einem Teilverkauf gegründete Family Office der Familie drängt auf klare Governance und hat — als neutraler Dritter — ein Executive Coaching für die Nachfolgerin angeregt. Die erste Anfrage an den Coach lautet, wörtlich: „Meine Tochter braucht mehr Durchsetzungskraft.“ Wer diesen Auftrag annimmt, wie er formuliert ist, hat bereits verloren; warum, wird sich im Verlauf dieses Beitrags zeigen, und am Ende wird die Konstellation noch einmal aufgenommen.
Der Fall steht für ein Feld, das quantitativ alles andere als eine Nische ist. Familienunternehmen stellen in Deutschland die deutliche Mehrheit aller Unternehmen, beschäftigen mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer und prägen ganze Regionen; ihre Führungsspitzen — geschäftsführende Gesellschafter, Nachfolgerinnen und Nachfolger, familienfremde Geschäftsführer in Familienhand — bilden einen erheblichen Teil der Zielgruppe, die Executive Coaching adressiert. Zugleich hat eine frühere Arbeit dieser Reihe gezeigt, dass gerade der große Handlungsspielraum inhabergeführter Unternehmen die Prägekraft der Spitze maximiert: Nirgendwo schlägt die Verfassung einer Führungsperson so ungefiltert auf die Organisation durch wie dort, wo Eigentum und Führung in einer Hand liegen. Die Relevanz des Themas ist demnach doppelt — nach Marktgröße und nach Hebelwirkung.
Dass Konzernrezepte in diesem Feld regelmäßig versagen, hat dabei System. Ein angestellter Vorstand kann Rolle und Person trennen, weil sein Arbeitsvertrag die Trennung vorsieht; ein geschäftsführender Gesellschafter kann es nicht, weil sein Name, sein Vermögen und seine Familiengeschichte an der Firma hängen. Ein Konzernmanager, der scheitert, wechselt das Unternehmen; ein Familienunternehmer, der scheitert, sitzt dem Scheitern an Weihnachten gegenüber. Beratungsansätze, die diese Differenz ignorieren — die etwa „professionelle Distanz“ empfehlen, wo Distanz gar nicht zu haben ist —, produzieren bestenfalls Unverständnis und schlimmstenfalls Schaden.
Umso auffälliger ist die Schieflage der Wissensbestände. Die Familienunternehmensforschung hat in vier Jahrzehnten ein reiches Instrumentarium entwickelt, um die Eigenlogik dieser Unternehmen zu verstehen (Zellweger, 2017); die Coaching-Forschung wiederum hat ihre Wirksamkeit solide belegt (Theeboom et al., 2014; de Haan & Nilsson, 2023) — aber ihre Studienpopulationen, Fallbeispiele und Prozessmodelle stammen weit überwiegend aus der Welt angestellter Manager. Was geschieht, wenn der Klient nicht nur eine Rolle innehat, sondern drei; wenn sein Vermögen, seine Identität und seine Familiengeschichte an denselben Entscheidungen hängen; und wenn zwischen Coach und Klient ein Family Office steht, das beauftragt, bezahlt und mitdenkt — dazu schweigt die Coaching-Literatur weitgehend. Dieser Beitrag ordnet, was beide Forschungsstränge beizutragen haben, und entwickelt daraus ein Anforderungsprofil für Executive Coaching mit Familienunternehmern.
2. Erkenntnisinteresse und Vorgehen
Das Erkenntnisinteresse lässt sich vorläufig so fassen: Es geht um die Frage, was Executive Coaching für Familienunternehmer von Executive Coaching für angestellte Topmanager unterscheidet — und was daraus für Konzeption, Beauftragung und Grenzziehung folgt. Bewusst wird die präzise Leitfrage an dieser Stelle noch nicht formuliert. Sie soll nicht der Literatur vorangestellt, sondern aus ihr hergeleitet werden, denn welche Dimensionen die Frage haben muss, entscheidet sich daran, welche Besonderheiten des Feldes die Forschung tatsächlich belegt — die Herleitung findet sich deshalb am Ende von Abschnitt 3.
Das Vorgehen ist eine integrative Synthese zweier Literaturen, die einander selten zitieren. Aus der Familienunternehmensforschung werden die Systemmodelle (Tagiuri & Davis, 1996; von Schlippe & Frank, 2013), die Theorie des sozioemotionalen Vermögens (Gómez-Mejía et al., 2007; Berrone et al., 2012), die Nachfolgeforschung (Handler, 1994; Le Breton-Miller et al., 2004; De Massis et al., 2008) sowie die Arbeiten zu Beratern und Family Offices (Strike, 2012; Wessel et al., 2014) herangezogen. Aus der Coaching-Forschung stammen Wirksamkeits- und Wirkfaktorenbefunde (Theeboom et al., 2014; Graßmann et al., 2020; de Haan & Nilsson, 2023), die Evaluations- und Kontextliteratur (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018) sowie die Arbeiten zu Grenzen und Risiken (Schermuly & Graßmann, 2019; Bachkirova, 2011). Eigene Daten werden nicht erhoben; die Grenzen des Vorgehens behandelt die Diskussion.
3. Forschungsstand
3.1 Familie und Firma: Das überlagerte System
Den analytischen Grundstein der Disziplin bildet bis heute das Drei-Kreise-Modell: Familie, Eigentum und Unternehmen sind drei überlappende Systeme, und jede Person im Feld lässt sich einem oder mehreren Schnittbereichen zuordnen — vom Familienmitglied ohne Anteile bis zur geschäftsführenden Gesellschafterin, die in allen drei Kreisen zugleich steht (Tagiuri & Davis, 1996). Was wie eine Ordnungsgrafik wirkt, ist tatsächlich eine Konflikttheorie: Tagiuri und Davis beschrieben die daraus entstehenden Merkmale als bivalent — dieselbe Eigenschaft wirkt segensreich und belastend zugleich. Die gemeinsame Geschichte schafft Vertrauen und alte Wunden; die Mehrfachrollen ermöglichen kurze Wege und verwischen Zuständigkeiten; die geteilte Identität stiftet Loyalität und erschwert Kritik.
Wie konkret die Kollision der Logiken wird, zeigt das Gerechtigkeitsproblem. Die Familie rechnet in Gleichheit — Kinder werden gleich geliebt und möglichst gleich bedacht —, das Unternehmen rechnet in Leistung und Eignung. An der Nachfolgefrage prallen beide Rechnungen aufeinander: Gleiche Anteile für alle Geschwister sind familiär gerecht und unternehmerisch riskant; die Bevorzugung des geeignetsten Kindes ist unternehmerisch geboten und familiär ein Sprengsatz. Es gibt für dieses Dilemma keine Lösung, die beiden Logiken zugleich genügt — nur Formen, es bewusst und fair zu bearbeiten, statt es in Scheinlösungen zu vergraben.
Die deutschsprachige Forschung hat diese Doppelbödigkeit systemtheoretisch geschärft: Familie und Unternehmen kommunizieren nach unterschiedlichen Logiken — hier Bindung, Gerechtigkeit unter Gleichen und Nichtkündbarkeit, dort Leistung, Funktion und Vertragsfreiheit —, und die Unternehmerfamilie ist der Ort, an dem beide Logiken permanent kollidieren und vermittelt werden müssen (von Schlippe & Frank, 2013). Wer im Unternehmen eine Entscheidung trifft, sendet in der Familie eine Botschaft, und umgekehrt; ein abgelehntes Investitionsbudget kann als Liebesentzug ankommen, eine Weihnachtssitzordnung als Machtsignal. Zugleich betont die ressourcenorientierte Linie, dass genau diese Verflechtung auch der Wettbewerbsvorteil des Typs ist: „Familiness“ — das idiosynkratische Ressourcenbündel aus Vertrauen, implizitem Wissen und langfristiger Orientierung — erklärt, warum Familienunternehmen über Generationen Renditen und Resilienz zeigen, die reine Kapitalgesellschaften selten erreichen (Habbershon & Williams, 1999; Miller & Le Breton-Miller, 2005).
3.2 Vermögen und Bindung: Die sozioemotionale Währung
Die vielleicht folgenreichste theoretische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte ist das Konzept des sozioemotionalen Vermögens (socioemotional wealth). Gómez-Mejía et al. (2007) zeigten an spanischen Olivenölmühlen ein zunächst irritierendes Muster: Familienbetriebe nahmen erhebliche wirtschaftliche Risiken in Kauf, um die Kontrolle in Familienhand zu behalten — sie verhielten sich ökonomisch „irrational“, aber sozioemotional vollkommen konsequent. Die Erklärung: Familienunternehmer bilanzieren neben dem finanziellen ein zweites Vermögen — Identität, Kontrolle, dynastische Kontinuität, familiäre Bindungen, gesellschaftliches Ansehen —, und sie sind bereit, finanzielle Einbußen zu tragen, wenn dieses zweite Vermögen auf dem Spiel steht. Berrone, Cruz und Gómez-Mejía (2012) haben die Dimensionen dieses Vermögens systematisiert und damit messbar gemacht.
Die Theorie erklärt zugleich ein scheinbar widersprüchliches Risikoprofil. Familienunternehmen gelten als konservativ — und wagen doch in Bedrohungslagen erstaunliche Manöver. Der Schlüssel liegt im Bezugspunkt: Geht es um Gewinnchancen, entscheidet die Familie vorsichtig, denn das sozioemotionale Vermögen ist im Status quo sicher; droht dagegen der Verlust von Kontrolle oder Kontinuität, wird beträchtliches finanzielles Risiko akzeptiert, um das emotionale Vermögen zu retten (Gómez-Mejía et al., 2007). Dieselbe Logik begründet die dokumentierte Langfriststärke des Typs: Wer in Generationen denkt, investiert in Beziehungen, Qualität und Reputation, wo Quartalsdenken längst geerntet hätte (Miller & Le Breton-Miller, 2005). Das sozioemotionale Vermögen ist also weder Schwäche noch Sentimentalität — es ist eine zweite Rationalität mit eigener Buchführung.
Für jede Beratung von Familienunternehmern ist dieses Konzept der Schlüssel zum Verständnis scheinbar unverständlicher Entscheidungen. Der Patriarch, der ein lukratives Übernahmeangebot ausschlägt; die Gesellschafterin, die einen verdienten Fremdgeschäftsführer nicht verlängert, weil „der Name an der Tür etwas bedeutet“; der Nachfolger, der eine Diversifikation scheut, die das Lebenswerk des Großvaters verwässern würde — all das sind keine Denkfehler, sondern Transaktionen in einer zweiten Währung. Wer diese Währung nicht lesen kann, wird die Ziele, Widerstände und Ängste dieser Klientel systematisch fehldeuten.
3.3 Übergabe und Festhalten: Die Nachfolge als kritischste Passage
Kein Thema dominiert die Familienunternehmensforschung so sehr wie die Nachfolge — aus gutem Grund, denn an ihr scheitern mehr Familienunternehmen als an Märkten oder Wettbewerbern. Die Forschung beschreibt die Übergabe als mehrjährigen Rollenanpassungsprozess zwischen den Generationen, nicht als Stichtagsereignis (Handler, 1994; Le Breton-Miller et al., 2004), und sie hat die Barrieren präzise katalogisiert: An erster Stelle steht nicht die fehlende Eignung der Nachfolger, sondern das Nicht-loslassen-Können der Übergebenden, gefolgt von ungeklärten Erwartungen und vermiedener Kommunikation (De Massis et al., 2008). Sonnenfeld (1988) hat die Abschiedsstile scheidender Unternehmensführer in einer klassischen Typologie gefasst — vom „Monarchen“, der nur durch Palastrevolte oder Tod aus dem Amt scheidet, über den „General“, der auf seine Rückkehr wartet, bis zum „Botschafter“, der geht und verbunden bleibt. Dass die ersten beiden Typen in Familienunternehmen überrepräsentiert sind, überrascht nicht: Für den Gründer oder langjährigen Inhaber ist der Abschied vom Amt kein Karriereschritt, sondern eine Identitätsamputation — und sozioemotional der größtmögliche Vermögensverlust.
Auf der Gegenseite steht die Nachfolgerin oder der Nachfolger mit einer eigenen psychologischen Gemengelage. Sharma und Irving (2005) unterscheiden vier Bindungsgründe an die Nachfolgerrolle — wollen, sollen, müssen und brauchen —, und die Qualität der Nachfolge hängt messbar davon ab, welcher dominiert: Affektives Wollen sagt Engagement und Initiative voraus, normatives Sollen und kalkulatives Müssen dagegen Dienst nach Vorschrift oder späten Ausstieg. Hinzu kommt die Frage der Legitimität: Psychologisches Eigentum am Unternehmen — das Erleben, dass es „meines“ ist — entsteht nicht durch Anteilsübertragung, sondern durch Gestaltungserfahrung, investierte Ideen und errungene Erfolge (Pierce et al., 2001); ein Nachfolger kann juristisch Eigentümer und psychologisch Gast im eigenen Haus sein. Und schließlich der Konflikt: Die Forschung unterscheidet aufgabenbezogene Reibung, die Familienunternehmen nachweislich guttut, von Beziehungskonflikt, der sie vergiftet (Kellermanns & Eddleston, 2004; Eddleston & Kellermanns, 2007) — die Kunst liegt nicht in der Konfliktvermeidung, sondern in der Konfliktsortierung. Kets de Vries (1993) hat früh beschrieben, wie unbearbeitete Familiendynamiken — Rivalität, Bevorzugung, unausgesprochene Kränkungen — als Unternehmensentscheidungen wiederkehren, wenn niemand sie an ihrem Entstehungsort bearbeitet. Was die integrative Nachfolgeforschung an Gelingensbedingungen destilliert hat, liest sich wie ein Pflichtenheft für begleitete Prozesse: ein mehrjähriger, schriftlich fixierter Fahrplan mit Rollen und Daten; geregelte Zusammenarbeit der Generationen während der Übergangszeit; systematischer Kompetenzaufbau des Nachfolgers außerhalb und innerhalb des Unternehmens; und funktionierende Kommunikationsroutinen der Familie, die Erwartungen aussprechbar machen, bevor sie sich in Enttäuschungen verwandeln (Le Breton-Miller et al., 2004). Hinzu kommt eine Belastungsdimension, die selten ausgesprochen wird: Nachfolger führen unter permanentem Vergleich — jede Entscheidung wird an der Legende des Vorgängers gemessen, oft vom Vorgänger selbst. Unter diesem Dauervergleich handlungsfähig zu bleiben, ohne in Anpassung oder Trotz auszuweichen, ist eine eigene mentale Leistung; die Forschung zum Umgang mit Druck- und Bewährungssituationen bietet dafür übertragbare Trainingsansätze (Bannwolf, 2022).
3.4 Berater und Vertraute: Das Gefüge um Family Offices
Familienunternehmer treffen ihre wichtigsten Entscheidungen selten allein — um sie herum steht ein Gefüge aus Beiräten, Anwälten, Steuerberatern und zunehmend Family Offices: Einheiten, die das Vermögen, die Governance und teils die Entwicklung der Unternehmerfamilie professionell verwalten. Die Forschung zeigt, dass diese Gebilde höchst heterogen sind — vom Ein-Personen-Büro für Vermögensverwaltung bis zur Institution mit eigener Familienstrategie, Ausbildungsprogrammen für die nächste Generation und Mandaten für die Auswahl externer Berater (Wessel et al., 2014; Rosplock, 2014; Zellweger, 2017). Für das Coaching-Thema ist entscheidend: Family Offices werden zunehmend zu professionellen Einkäufern von Entwicklungsdienstleistungen für Familienmitglieder — sie initiieren, finanzieren und begleiten Coachings, ohne selbst Klient zu sein.
Parallel dazu hat die Beraterforschung die besondere Rolle des „most trusted advisor“ herausgearbeitet: In Familienunternehmen gibt es typischerweise eine Person außerhalb der Familie, der der Unternehmer wirklich zuhört — und ihr Einfluss läuft über Jahre gewachsenes Vertrauen und eine subtile, indirekte Beratungsform, die Vorschläge als Fragen kleidet und Timing über Inhalt stellt (Strike, 2012, 2013). Die Agency-Perspektive ergänzt das Bild um die Interessenlage: Berater im Nachfolgeprozess stehen zwischen den Generationen und können — je nach Honorar- und Loyalitätsstruktur — zum ehrlichen Makler oder zum Verstärker einer Seite werden (Michel & Kammerlander, 2015). Für kollektive Konstellationen — Geschwisterkonsortien, Vetternkreise, gemischte Führungsgremien aus Familie und Fremdmanagement — hält die Coaching-Literatur zudem Gruppenformate bereit, deren Eignung für genau solche verdeckten Dynamiken beschrieben ist: Im Gruppen-Coaching werden Muster sichtbar und bearbeitbar, die im Einzelgespräch nur als Erzählung vorkommen (Kets de Vries, 2005). Für Unternehmerfamilien ist das doppelt relevant, weil dort die entscheidende Einheit oft nicht die Einzelperson ist, sondern der Gesellschafterkreis. Vertrauen bleibt dabei die Grundwährung des gesamten Gefüges, mit den bekannten Dimensionen wahrgenommener Kompetenz, wahrgenommenen Wohlwollens und wahrgenommener Integrität (Mayer et al., 1995) — nur dass hier nicht eine Dyade vertraut, sondern ein verzweigtes Familiensystem mit teils divergierenden Interessen. Für einen neu hinzukommenden Coach folgt daraus eine Positionierungsaufgabe, die es im Konzernkontext so nicht gibt: Er betritt ein Feld, in dem die Vertrauensrollen historisch besetzt sind, und tut gut daran, sein Verhältnis zum etablierten Beratergefüge früh zu klären — als komplementäre Rolle mit eigenem Gegenstand (Entwicklung der Person), nicht als Konkurrent des Hausanwalts oder des langjährigen Vertrauten, deren stille Unterstützung über die Akzeptanz des Coachings im System mitentscheidet.
3.5 Die Herleitung der Leitfrage
Vier Befunde tragen die Synthese: Familienunternehmer führen in einem überlagerten Drei-Systeme-Feld mit bivalenten Eigenschaften (3.1); ihre Entscheidungen folgen einer doppelten Vermögenslogik, deren sozioemotionale Seite Außenstehenden verborgen bleibt (3.2); die Nachfolge ist ein zweiseitiger, identitätstiefer Prozess mit typisierbaren Barrieren auf beiden Seiten (3.3); und um diese Klientel herum operiert ein Beratergefüge, in dem Family Offices als Auftraggeber von Coaching auftreten und Vertrauensrollen bereits besetzt sind (3.4). Die Coaching-Forschung ihrerseits belegt Wirksamkeit und Wirkfaktoren, hat aber keines dieser vier Spezifika systematisch bearbeitet. Daraus ergibt sich die Leitfrage dieses Beitrags nun präzise:
Wie muss Executive Coaching konzipiert, kontrahiert und begrenzt werden, damit es der doppelten Systemzugehörigkeit von Familienunternehmern und der Auftraggeberrolle von Family Offices gerecht wird — und woran erkennen Unternehmerfamilien Anbieter, die dieses Feld tatsächlich beherrschen?
4. Hauptteil: Coaching im Drei-Kreise-Feld — vier Arbeitslinien
Die Antwort auf die Leitfrage wird in vier Arbeitslinien entwickelt, die zusammen das Profil eines familienunternehmenskompetenten Executive Coachings ergeben. Ihnen gemeinsam ist eine Grundhaltung: Das Familiensystem ist im Coaching immer anwesend, auch wenn nur eine Person im Raum sitzt — die Frage ist nicht, ob man es berücksichtigt, sondern ob man es bewusst tut.
4.1 Arbeitslinie 1: Rollen-Kartierung
Am Anfang steht die Übersetzung des Drei-Kreise-Modells in Einzelarbeit. Mit dem Klienten wird kartiert, welche Positionen er im Feld einnimmt — Geschäftsführer, Gesellschafter, Sohn, Bruder, künftiger Erblasser — und, wichtiger, aus welcher dieser Rollen die aktuellen Konflikte sprechen. Viele der zähesten Führungsprobleme in Familienunternehmen sind bei Lichte besehen Rollenvermischungen: Der Streit im Gesellschafterkreis, der wie eine Strategiedifferenz aussieht und ein Geschwisterthema ist; die Härte gegen einen Bereichsleiter, die eigentlich dem Vater gilt, der ihn eingestellt hat; die Unfähigkeit, im Beirat zu widersprechen, weil dort die Mutter sitzt. Die Kartierung entlastet, weil sie sortiert — sie verwandelt ein diffuses „bei uns ist alles kompliziert“ in adressierbare Einzelfragen mit je eigener Zuständigkeit: Was gehört ins Unternehmen, was in die Gesellschafterversammlung, was an den Küchentisch, was ins Coaching? Methodisch ist das die vertraute ergebnisorientierte Selbstreflexion (Greif, 2008) — angewendet auf ein Rollenset, das in keinem Konzern-Coaching vorkommt.
Im Prozess verdichtet sich die Kartierung zu einer einzigen Arbeitsfrage, die Klienten erfahrungsgemäß rasch übernehmen: Aus welcher Rolle spreche, entscheide, ärgere ich mich gerade? Ein Beispiel macht die Wirkung greifbar: Ein Gesellschafter-Geschäftsführer blockiert seit Monaten die Ausschüttungswünsche seiner nicht operativ tätigen Geschwister — vordergründig aus Liquiditätsvorsicht. Die Rollenfrage legt frei, dass hier der Bruder spricht, nicht der Geschäftsführer: Es kränkt ihn, dass die anderen ernten, ohne zu säen. Erst mit dieser Sortierung wird das Thema verhandelbar — die Liquiditätsfrage gehört in die Geschäftsführung, die Gerechtigkeitsfrage in den Gesellschafterkreis und die Kränkung in die Arbeit an der eigenen Rolle. Drei Baustellen statt eines unlösbaren Knotens.
Eine eigene Erwähnung verdient der familienfremde Geschäftsführer in Familienhand — eine wachsende und beratungsintensive Klientengruppe. Er führt im Drei-Kreise-Feld, ohne einem der Familienkreise anzugehören: Er soll die Leistungslogik des Unternehmens vertreten, die sozioemotionale Logik der Eigentümer respektieren und dabei Konflikte moderieren, deren Wurzeln Jahrzehnte vor seiner Zeit liegen. Für ihn leistet die Kartierung etwas anderes, aber nicht weniger Wertvolles: Sie klärt, welche Erwartungen an ihn aus welchem System stammen, wo er Mandat hat und wo er zum Stellvertreter in einem Familienkonflikt gemacht wird, den er nicht gewinnen kann. Die Fähigkeit, das Feld zu lesen, ohne Teil davon zu sein, ist seine Überlebenskompetenz — und ein legitimer Coaching-Gegenstand.
4.2 Arbeitslinie 2: Zielarbeit in zwei Währungen
Die zweite Linie zieht die Konsequenz aus der SEW-Forschung: Zielarbeit mit Familienunternehmern muss beide Vermögen bilanzieren. Praktisch heißt das, bei jeder anstehenden Weichenstellung — Verkauf, Beiratsbesetzung, Diversifikation, Standortschließung — neben der wirtschaftlichen ausdrücklich die sozioemotionale Rechnung aufzumachen: Was kostet diese Option an Kontrolle, Identität, Familienfrieden, Ansehen im Ort — und was ist uns das in Euro wert? Die Erfahrung zeigt, dass allein das Explizitmachen dieser zweiten Rechnung Druck aus festgefahrenen Entscheidungen nimmt: Der Unternehmer, der „irrational“ am Stammwerk festhält, kann plötzlich verhandeln, wenn der sozioemotionale Preis eines Verkaufs benannt und gewürdigt statt weggerechnet wird. Ein Anwendungsfall aus der Gremienarbeit illustriert den Ertrag: Bei der Besetzung eines Beirats konkurrieren regelmäßig zwei unausgesprochene Anforderungsprofile — das wirtschaftliche (Kompetenz, Unabhängigkeit, Netzwerk) und das sozioemotionale (Vertrautheit, Loyalität zur Familie, Schonung alter Verdienste). Solange beide Profile implizit bleiben, wird um Personen gestritten; sobald sie explizit bilanziert werden, lässt sich über Mischungsverhältnisse verhandeln — etwa ein Gremium, das beide Währungen bewusst abbildet, statt eine davon zu verleugnen. Coaching wird hier zum Ort, an dem die zweite Währung erstmals offen gehandelt werden darf — was in Beirats- und Bankgesprächen als Sentimentalität gilt, ist hier legitimer Entscheidungsparameter. Zugleich schützt die Doppelbilanz vor dem umgekehrten Fehler, der Übergewichtung des Sozioemotionalen bis zur wirtschaftlichen Selbstschädigung (Gómez-Mejía et al., 2007): Wer beide Währungen auf dem Tisch hat, kann Wechselkurse diskutieren.
4.3 Arbeitslinie 3: Die Nachfolge als Doppelprozess
Die dritte Linie folgt aus dem zentralen Befund der Nachfolgeforschung: Übergaben scheitern überwiegend am Übergebenden, nicht am Übernehmenden (De Massis et al., 2008) — und doch wird fast immer nur die nachfolgende Generation „entwickelt“. Familienunternehmenskompetentes Coaching denkt die Nachfolge als Doppelprozess mit zwei Klienten in getrennten, koordinierten Prozessen. Auf der Seite des Seniors ist die Arbeit Identitätsarbeit: Was bleibt von mir, wenn das Amt geht? Die Abschiedstypologie (Sonnenfeld, 1988) liefert dafür eine produktive Sprache, denn sie erlaubt dem Klienten, den eigenen Stil zu erkennen, bevor er ihn auslebt — der „Monarch“ ist keine Diagnose, sondern eine Warnung. Der Leistungssport kennt für diese Phase ein präzises Konzept: Kein Athlet geht ohne Taper in den Wettkampf — die bewusste Reduktion der Belastung vor dem entscheidenden Tag ist Teil der Vorbereitung, nicht ihr Verrat. Ein Übergebender, der Verantwortung schrittweise und nach Plan abgibt, tapert; einer, der bis zum letzten Tag Vollgas gibt und dann verschwindet, hinterlässt ein Unternehmen im Schock.
Auf der Seite der Nachfolgenden gilt die Arbeit der Bindungsqualität und der Legitimität: Will ich das — oder soll, muss, brauche ich es nur (Sharma & Irving, 2005)? Ein Coaching, das diese Frage ehrlich zulässt, einschließlich der Antwort „nein“, schützt Familie und Unternehmen vor der teuersten aller Lösungen, dem pflichtgetriebenen Nachfolger auf Lebenszeit. Wo das Wollen trägt, verschiebt sich die Arbeit auf den Aufbau psychologischen Eigentums (Pierce et al., 2001): eigene Projekte mit sichtbarem Erfolg, eigene Personalentscheidungen, eigene Fehler mit eigener Verantwortung — Gestaltungserfahrung statt Warteposition. Und zwischen beiden Prozessen braucht es Koordination mit klaren Vertraulichkeitsgrenzen: gemeinsame Meilensteingespräche, in denen die Generationen Erwartungen und Zeitpläne verbindlich machen, ohne dass die Einzelprozesse ihre Schutzräume verlieren. Wo die Konflikte primär in der Familiendynamik wurzeln, endet das Coaching-Mandat — dazu Abschnitt 4.5.
4.4 Arbeitslinie 4: Kontraktarchitektur mit Family Offices
Die vierte Linie betrifft die Beauftragungsseite. Tritt ein Family Office als Initiator und Zahler eines Coachings auf, entsteht eine Konstellation, die über das klassische Auftragsdreieck hinausgeht: Klient, Coach, Family Office, dahinter die Familie mit möglicherweise divergierenden Stämmen und Interessen — aus dem Dreieck wird ein Vieleck. Professionelle Kontraktarchitektur beantwortet dafür vier Fragen vor Prozessbeginn. Erstens die Klientenfrage: Wessen Entwicklung ist beauftragt, und hat diese Person selbst zugestimmt — oder wird hier jemand „zum Coaching geschickt“, was die Autonomiebasis jeder Veränderung untergräbt? Zweitens die Berichtsfrage: Was erfährt das Family Office — sinnvollerweise Prozessdaten und gemeinsam freigegebene Meilensteine, niemals Inhalte —, und wer teilt es mit? Drittens die Interessenfrage: Welche Rolle spielt das Family Office im etwaigen Generationenkonflikt, und ist seine Neutralität real oder behauptet (Michel & Kammerlander, 2015)? Viertens die Unabhängigkeitsfrage: Steht der Coach in wirtschaftlichen Beziehungen zum Family Office — etwa als Teil eines Dienstleisterpools mit Folgemandatsinteresse —, und ist das offengelegt? Die Prinzipien professioneller Selbstbindung, die diese Reihe an anderer Stelle entwickelt hat, gelten hier verschärft, weil die Zahl der Prinzipale wächst.
Zur Kontraktarchitektur gehört schließlich die Evaluationsabrede. Gerade weil das Family Office professionelle Standards anstrebt, sollte vor Beginn vereinbart sein, woran der Erfolg des Coachings gemessen wird — und zwar auf der Ebene, die allen Beteiligten zugänglich ist: vereinbarte Meilensteine des Prozesses, beobachtbare Veränderungen im Zusammenspiel der Generationen, Fortschritte der Governance-Reife, nicht die Inhalte der Sitzungen. Die Evaluationsliteratur des Coachings stellt dafür brauchbare Systematiken bereit (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018); ihre Anwendung auf Familienkonstellationen verlangt lediglich die konsequente Trennung von Rahmen- und Inhaltsdaten.
Richtig aufgesetzt, ist das Family Office allerdings kein Störfaktor, sondern ein Qualitätsgewinn: Es kann als professioneller Einkäufer Standards durchsetzen, die eine emotional involvierte Familie allein selten formuliert — Qualifikationsnachweise, Referenzprozesse, Evaluationskriterien, klare Verträge. Die Professionalisierung der Family-Office-Landschaft (Wessel et al., 2014; Rosplock, 2014) könnte so zur Professionalisierung des Coaching-Einkaufs für Unternehmerfamilien beitragen; Voraussetzung ist, dass das Office seine Rolle als Rahmengeber versteht und nicht als heimlicher Ko-Klient.
4.5 Grenzmarkierungen: Was dieses Coaching nicht ist
Je tiefer die Familiendynamik, desto wichtiger die Grenzen. Executive Coaching mit Familienunternehmern ist erstens keine Familientherapie: Wo destruktive Beziehungsmuster, ungelöste Kränkungen oder pathologische Dynamiken die Arbeitsfähigkeit der Familie selbst zerstören, ist systemische Familientherapie oder -beratung indiziert — die Kompetenz, diese Schwelle zu erkennen, gehört zur Grundausstattung (Bachkirova, 2011; Kets de Vries, 1993). Es ist zweitens keine Mediation: Stehen sich verhandelnde Parteien mit unvereinbaren Ansprüchen gegenüber — etwa Gesellschafterstämme vor einer Auseinandersetzung —, braucht es ein allparteiliches Verfahren mit anderem Regelwerk. Und es ist drittens keine Governance-Beratung: Gesellschaftsverträge, Beiratsordnungen und Familienverfassungen sind juristisch-strukturelle Arbeit, die das Coaching flankieren, aber nicht ersetzen kann. Die Stärke des Coachings liegt dort, wo die Person im Zentrum steht — ihre Rollen, Ziele, Entscheidungen und Entwicklung im Kraftfeld; ein Anbieter, der alle vier Register zugleich zu bedienen verspricht, bedient mit hoher Wahrscheinlichkeit keines davon professionell (Schermuly & Graßmann, 2019).
5. Ergebnisse: Synopse
Die Ergebnisse der Analyse lassen sich in einer Gegenüberstellung verdichten: Jede belegte Besonderheit des Feldes übersetzt sich in eine prüfbare Anforderung an das Coaching.
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Besonderheit des Feldes (Beleg)
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Konsequenz für das Executive Coaching
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Quer zu allen Zeilen steht ein übergreifendes Ergebnis: Familienunternehmenskompetenz im Coaching ist eine eigene, prüfbare Qualifikation. Sie verlangt die Kenntnis der Forschungsbestände beider Felder, die Fähigkeit, in zwei Währungen zu rechnen, und die Bereitschaft, in einem dicht besetzten Beratergefüge eine klar umrissene Rolle einzunehmen. Nichts davon ergibt sich aus Konzernerfahrung von selbst — und nichts davon ist einem Anbieterprofil von außen anzusehen, weshalb die Prüffragen der Kontraktarchitektur für Unternehmerfamilien doppelt zählen.
6. Diskussion: Drei Szenarien
Was die Analyse praktisch bedeutet, zeigt sich am klarsten in typischen Konstellationen. Drei Szenarien — jeweils typisiert — seien durchgespielt.
Szenario 1: Die verschleppte Übergabe. Ein Inhaber Anfang siebzig kündigt seit Jahren den Rückzug an und revidiert ihn ebenso regelmäßig; der designierte Nachfolger verliert Autorität im Haus, weil jede seiner Entscheidungen unter Vorbehalt steht. Der Reflex des Umfelds — den Nachfolger zu stärken — greift zu kurz, denn der Engpass liegt beim Senior (De Massis et al., 2008). Angezeigt ist der Doppelprozess aus Abschnitt 4.3 mit Priorität auf der Identitätsarbeit des Übergebenden: Solange der Abschied nur Verlust bedeutet, wird er nicht stattfinden, gleichgültig, wie durchsetzungsstark die nächste Generation auftritt. Erst wenn der Senior eine Antwort auf die Frage hat, wofür er künftig gebraucht wird — Beirat, Gesellschafterrolle, Mentorenfunktion, Lebensprojekt außerhalb —, wird der Zeitplan real. Für Beirat und Family Office heißt das: Wer die Übergabe beschleunigen will, investiere in den, der loslassen muss.
Szenario 2: Die zweifelnde Nachfolgerin. Eine fachlich exzellente Angehörige der nächsten Generation, im Unternehmen erfolgreich, spürt wachsende Ambivalenz — ist es mein Weg oder der vorgezeichnete? Das Umfeld deutet die Zweifel als Schwäche und dringt auf Bekenntnis. Die Forschung legt das Gegenteil nahe: Die Bindungsqualität entscheidet über Jahrzehnte (Sharma & Irving, 2005), und eine erzwungene Festlegung produziert die teuerste Fehlbesetzung, die ein Familienunternehmen kennt. Das Coaching bietet hier den einzigen Ort im System, an dem die Frage ergebnisoffen geprüft werden darf — einschließlich der Alternativen: Gesellschafterrolle ohne Geschäftsführung, Verantwortung in einer Beteiligung, Eintritt zu eigenen Bedingungen und eigener Zeit. Paradoxerweise stabilisiert gerade die erlaubte Ausstiegsoption die Nachfolge: Ein geprüftes Ja bindet, ein vermiedenes Nein rächt sich.
Szenario 3: Das professionalisierende Family Office. Ein Family Office baut nach einem Liquiditätsereignis Strukturen auf und will Entwicklungsprogramme für die Familie etablieren — Coaching inklusive. Die Chance liegt in der Professionalisierung des Einkaufs (Abschnitt 4.4), das Risiko in der stillen Verschiebung der Klientenrolle: Wenn das Office Themen setzt, Fortschritt bewertet und Berichte erwartet, coacht faktisch das Office die Familie — durch den Coach hindurch. Die Gegenmittel sind kontraktueller Natur: Zustimmungsprinzip (kein Coaching ohne echtes Einverständnis der Person), Inhaltsschutz (Berichte nur über Rahmen, nie über Inhalte) und Interessentransparenz auf allen Seiten. Ein Family Office, das diese Regeln selbst vorschlägt, beweist damit genau die Professionalität, die es anstrebt.
So unterschiedlich die drei Szenarien liegen, so deutlich zeigen sie ein gemeinsames Muster: In allen drei Fällen ist der zuerst formulierte Auftrag nicht der richtige. Der Nachfolger soll gestärkt werden, wo der Senior arbeiten muss; die Zweifelnde soll sich bekennen, wo sie prüfen muss; das Family Office will berichten lassen, wo es rahmen sollte. Familienunternehmenskompetentes Coaching beginnt deshalb fast immer mit einer respektvollen Auftragskorrektur — und die Bereitschaft eines Anbieters, einen lukrativen, aber falsch geschnittenen Auftrag umzubauen oder abzulehnen, ist für Unternehmerfamilien eines der verlässlichsten Qualitätssignale überhaupt.
Aus der Leitfrage bleibt ihr zweiter Teil einzulösen: Woran erkennen Unternehmerfamilien Anbieter, die dieses Feld beherrschen? Die Analyse liefert die Kriterien frei Haus. Ein familienunternehmenskompetenter Coach kann das Drei-Kreise-Modell nicht nur nennen, sondern auf die konkrete Konstellation der Familie anwenden; er fragt im Erstgespräch nach Gesellschafterstruktur, Nachfolgestand und Beratergefüge, bevor er über Ziele spricht; er benennt von sich aus, was er nicht anbietet — Therapie, Mediation, Gesellschaftsrecht — und mit wem er dafür kooperiert; er besteht auf der Zustimmungs- und Berichtsklärung, auch wenn der Auftraggeber sie für überflüssig hält; und er kann erklären, in welcher Währung die Familie rechnet, ohne dass man es ihm erklären muss. Umgekehrt sind zwei Signale disqualifizierend: der Anbieter, der Familienthemen als „Störfaktoren“ behandelt, die das eigentliche Business-Coaching aufhalten — und der Anbieter, der sich begierig in sie hineinzieht.
Die Grenzen dieser Analyse verlaufen entlang ihrer Quellen: Sie stützt sich auf zwei reife, aber kaum verbundene Literaturen, und die Verbindung ist konzeptionell, nicht empirisch — Interventionsstudien zu Coaching mit Familienunternehmern existieren praktisch nicht, Wirksamkeitsaussagen sind daher aus der allgemeinen Coaching-Evidenz extrapoliert (Theeboom et al., 2014; Graßmann et al., 2020). Die Familienunternehmensforschung wiederum arbeitet überwiegend mit Querschnitts- und Archivdaten; ihre psychologischen Mechanismen sind teils erschlossen, nicht gemessen. Daraus folgt ein klares Forschungsprogramm: Fallstudien und Prozessforschung zu Nachfolge-Coachings über beide Generationen hinweg, Wirksamkeitsstudien mit familienunternehmensspezifischen Ergebniskriterien (Übergabequalität, Konfliktsortierung, Governance-Reife) und empirische Arbeiten zur Rolle von Family Offices als Coaching-Auftraggeber — ein Feld, das bislang nicht einmal deskriptiv vermessen ist. Zu bedenken bleibt außerdem, dass die zitierte Familienunternehmensforschung international ist, während Rechtsformen, Mitbestimmung und Beiratskultur national geprägt sind; die Übertragung auf den deutschen Kontext ist inhaltlich plausibel, im Detail aber jeweils zu prüfen.
7. Schluss
Zurück zur Konstellation vom Anfang. Der Auftrag „Meine Tochter braucht mehr Durchsetzungskraft“ wurde nicht angenommen — er wurde umgebaut. Aus einem Defizit-Coaching für die Nachfolgerin wurde ein Doppelprozess: Auf der einen Seite die Identitätsarbeit des Vaters, der im Verlauf eines Jahres eine Beiratsrolle mit klarem Zuschnitt fand und einen Übergabeplan mit Daten statt Absichten unterschrieb; auf der anderen Seite die Tochter, die keine Durchsetzungskraft lernen musste, sondern Gestaltungsraum bekam — ein eigenes Werk, ein eigenes Investitionsbudget, zwei eigene Berufungen — und deren „Zögerlichkeit“ mit der Warteposition verschwand, die sie erzeugt hatte. Das Family Office erhielt, was es wirklich brauchte: keinen Fortschrittsbericht über eine Person, sondern eine Kontraktarchitektur, an der alle Beteiligten Halt fanden. Nichts daran war Zauberei; alles daran war die Anwendung dessen, was zwei Forschungsstränge seit Jahrzehnten bereithalten und nur selten zusammen gelesen werden. Familienunternehmen überdauern, wenn beides gedeiht — das Unternehmen und die Familie, die es trägt. Executive Coaching, das dieses Feld beherrscht, dient beiden zugleich: dem Haus und denen, die es der nächsten Generation übergeben wollen.
Der Artikel wurde am 01.08.2026 vom Dr. Bannwolf Research Team zuletzt inhaltlich und fachlich geprüft und weiterentwickelt. Nächster Prüf- und Updatetermin ist der 28.02.2027.8. Literatur
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