Die Organisation als Spiegel der Führungsspitze: Neue Perspektiven für Executive Coaching – Wenn Persönlichkeitsentwicklung zur Organisationsentwicklung wird
Lesedauer: ca. 30 min.
Autor: Dr. Bannwolf Research Team unter der Leitung von Dr. Michael Bannwolf, MBA, 2x M. Sc., HP Psych, DOSB-Trainer-A
Zuletzt fachlich geprüft und aktualisiert am 01.08.2026
Abstract
Seit Hambrick und Mason (1984) ihre Upper-Echelons-Theorie formulierten, hat sich eine der folgenreichsten Ideen der Managementforschung empirisch verfestigt: Organisationen sind Spiegelbilder ihrer Führungsspitzen. Werte, Wahrnehmungsmuster, kognitive Verfassung und Persönlichkeit von Vorständen und Geschäftsführungen schlagen sich messbar in Strategie, Kultur und Ergebnis nieder und zwar von der Risikoneigung über den Umgangston bis zur Ertragsvolatilität. Der vorliegende Beitrag führt diese Forschungslinie mit der Coaching-Forschung zusammen und entwickelt daraus ein Konzept, das in der Coaching-Literatur bislang fehlt: den Upper-Echelons-Spirit — die kognitive, affektive und normative Verfassung der Führungsspitze, die über belegte Übertragungskanäle (Kulturprägung, Kaskadeneffekte, emotionale Ansteckung, Norm- und Symbolwirkung) zur erlebten Realität der Gesamtorganisation wird. Aus dieser Perspektive folgt eine Neubestimmung des Executive Coachings: Es ist nie nur Personenentwicklung, sondern über die Spiegel- und Übertragungsmechanismen immer auch Organisationsentwicklung . Diese verfügt über eine Hebelwirkung, die kein anderes Personalentwicklungsinstrument erreicht und eine Verantwortung, die über den einzelnen Klienten hinausreicht. Der Beitrag prüft diese These am Forschungsstand, übersetzt sie in vier Konsequenzen für Konzeption, Beauftragung und Evaluation von Coaching auf Spitzenebene und verteidigt sie gegen die drei naheliegendsten Einwände.
Schlüsselwörter:
Upper Echelons Theorie, Executive Coaching, Top-Management-Team, Unternehmenskultur, Führungswirkung, CEO-Effekt, Organisationsentwicklung
FAQ-Inhalt
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1. Einleitung
Im Jahr 1984 erschien in der Academy of Management Review ein Aufsatz, der die Führungsforschung neu justierte. Donald Hambrick und Phyllis Mason widersprachen darin der damals dominierenden Vorstellung, Unternehmensergebnisse seien im Wesentlichen das Produkt von Marktkräften, Strukturen und Zufällen, und setzten eine schlichte, folgenreiche Gegenthese: Die Organisation ist ein Spiegelbild ihrer obersten Führungskräfte — „the organization as a reflection of its top managers“ (Hambrick & Mason, 1984). Weil Topmanager komplexe Situationen nie objektiv erfassen können, filtern sie sie durch ihre Erfahrungen, Werte und Persönlichkeiten und weil ihre Entscheidungen die Organisation formen, wandern diese Filter in Strategie, Struktur und Ergebnis ein. Was als theoretische Provokation begann, ist heute eines der produktivsten Forschungsprogramme der Managementwissenschaft, mit hunderten Studien, mehreren Überblicksarbeiten und einem eigenen Standardwerk zur strategischen Führung (Carpenter et al., 2004; Hambrick, 2007; Finkelstein et al., 2009).
Vier Jahrzehnte später lässt sich der Kern der Theorie quantifizieren. Varianzzerlegungsstudien schätzen den Anteil der Unternehmensleistung, der auf die Person des CEO zurückgeht, je nach Design auf Größenordnungen um ein Fünftel bis knapp ein Drittel (Mackey, 2008). Dieser Effekt ist über die Jahrzehnte nicht geschrumpft, sondern gewachsen (Quigley & Hambrick, 2015). Wer solche Zahlen zum ersten Mal sieht, unterschätzt leicht, was sie bedeuten: Die Verfassung einer einzelnen Person mit ihrer Urteilsbildung, ihren Werten sowie ihrer Stabilität unter Druck gehört zu den größten einzelnen Erklärungsgrößen für das Schicksal von Organisationen mit Tausenden Beschäftigten.
Für den deutschsprachigen Wirtschaftsraum hat der Befund eine besondere Pointe. Der Spiegel-Effekt wächst mit dem Handlungsspielraum der Spitze — und Handlungsspielraum ist genau das, was inhabergeführte Unternehmen, Familiengesellschaften und den Mittelstand auszeichnet: weniger Kapitalmarktkorsett, längere Amtszeiten, gebündelte Entscheidungsmacht. Wo ein DAX-Vorstand von Gremien, Investoren und Öffentlichkeit eingehegt wird, prägt ein geschäftsführender Gesellschafter sein Haus über Jahrzehnte nahezu ungefiltert. Die Verfassung der Spitze ist hierzulande also nicht trotz, sondern wegen der Unternehmenslandschaft eine Größe erster Ordnung, mit allem, was daraus für ihre Pflege folgt. Erstaunlich ist vor diesem Hintergrund, wie wenig die Coaching-Forschung und die Upper-Echelons-Forschung voneinander Notiz nehmen. Die eine misst akribisch, was Coaching mit der gecoachten Person macht (Zielerreichung, Selbstregulation, Wohlbefinden) (Theeboom et al., 2014; de Haan & Nilsson, 2023) und behandelt die Organisation als Hintergrund. Die andere belegt, dass die Person der Spitze die Organisation formt, und behandelt die Frage, wie diese Person sich entwickeln könnte, als Randnotiz. Zwischen beiden liegt eine Einsicht, die dieser Beitrag ausarbeitet: Wenn Organisationen Spiegelbilder ihrer Spitzen sind, dann ist die Entwicklung der Spitze der direkteste Weg, das Spiegelbild zu verändern. Executive Coaching hat organisationale Reichweite in Form eines Mechanismus und nicht eines Werbeversprechens. Für diese Reichweite wird hier ein Begriff vorgeschlagen: der Upper-Echelons-Spirit, verstanden als die Verfassung der Führungsspitze, die durch die Organisation hindurchwirkt. Ihn zu bestimmen, seine Übertragungswege zu belegen und die Konsequenzen für das Coaching zu ziehen, ist das Programm dieses Beitrags.
2. Fragestellung: Eine These und ihre Prüfung
Anders als in klassischen Übersichtsarbeiten wird die Fragestellung hier als These formuliert, die es zu prüfen gilt:
These: Executive Coaching auf Spitzenebene ist nie nur Personenentwicklung. Über die von der Upper-Echelons-Forschung belegten Spiegel- und Übertragungsmechanismen ist es strukturell immer auch Organisationsentwicklung und sollte deshalb organisational konzipiert, beauftragt und evaluiert werden.
Zur Schärfung gehört, was die These nicht behauptet. Sie behauptet nicht, dass jedes Coaching organisationale Wellen schlägt. Die Reichweite hängt an Position, Handlungsspielraum und Prozessqualität. Sie behauptet nicht, dass Coaching Strukturarbeit, Strategieberatung oder Organisationsentwicklung im klassischen Sinn ersetzt. Und sie behauptet erst recht nicht, dass die Organisation Anspruch auf die Inhalte des Coachings erwirbt. Die Wirkung läuft über die veränderte Person, nicht über Berichte an Dritte. Behauptet wird allein: Die organisationale Wirkung findet statt, ob man sie konzipiert oder nicht und dann ist es besser, sie zu konzipieren.
Die Prüfung verlangt zwei Schritte. Zunächst die Evidenzfrage: Trägt die Forschung tatsächlich beide Glieder der These, was den Zusammenhang zwischen der Verfassung der Spitze und der Verfassung der Organisation sowie die Veränderbarkeit dieser Verfassung durch Coaching meint? Sodann die Konsequenzfrage: Was folgt aus der These konkret — für die Ziele eines Spitzen-Coachings, für seine Arbeitsweise, für das Verhältnis von Einzel- und Team-Coaching und für die Messung seines Erfolgs? Der Gang der Argumentation ergibt sich aus der These selbst: Abschnitt 3 prüft die Evidenz entlang von vier Stichworten (Spiegel, Kanäle, Schatten, Hebel), Abschnitt 4 entwickelt das Konzept und seine Übersetzungen, Abschnitt 5 bündelt die Ergebnisse in Thesenform, und Abschnitt 6 stellt die Argumentation drei Einwänden.
Als Materialbasis dienen die Upper-Echelons- und Strategische-Führungs-Forschung (Hambrick & Mason, 1984; Carpenter et al., 2004; Finkelstein et al., 2009), die Forschung zu Führungswirkung auf Kultur und Klima (Schein, 2010; O’Reilly et al., 2014; Berson et al., 2008), die Kaskaden- und Ansteckungsforschung (Mayer et al., 2009; Sy et al., 2005; Hatfield et al., 1994), die Literatur zu Führungsentgleisung (Chatterjee & Hambrick, 2007; Hayward & Hambrick, 1997; Hogan & Hogan, 2001; Kaiser et al., 2008) sowie die Coaching-Evidenz einschließlich der Team-Coaching-Theorie (Theeboom et al., 2014; Jones et al., 2016; de Haan & Nilsson, 2023; Hackman & Wageman, 2005; Kets de Vries, 2005).
3. Forschungsstand
3.1 Spiegel: Was die Upper-Echelons-Forschung belegt
Der Mechanismus der Theorie ist psychologisch, nicht mystisch. Topmanager entscheiden unter Komplexität, Mehrdeutigkeit und Informationsüberfluss; vollständige Analyse ist unmöglich, also strukturieren ihre kognitiven Filter wie Erfahrungen, Werte und Aufmerksamkeitsmuster, was sie überhaupt sehen, wie sie es deuten und was sie daraus machen (Hambrick & Mason, 1984). Die Organisation wird damit zwangsläufig zur „reflection“: Sie trägt die Handschrift derer, die ihre Weichen stellen. Zwei Jahrzehnte später präzisierte Hambrick (2007) die Randbedingungen: Der Spiegel-Effekt ist am stärksten, wo Führungskräfte tatsächlichen Handlungsspielraum besitzen (managerial discretion; Hambrick & Finkelstein, 1987) und wo hohe Arbeitsanforderungen sie zwingen, auf ihre eingeschliffenen Muster zurückzugreifen. Diese Bedingung wurde in einer früheren Arbeit dieser Reihe behandelt (Hambrick et al., 2005). Anders gesagt: Je mehr Freiheit und je mehr Druck, desto mehr Person steckt im Ergebnis.
Das Original beschreibt die Filterung als dreistufigen Prozess, und die Stufen lohnen die Kenntnis, weil jede ein eigener Coaching-Ansatzpunkt ist: Zuerst begrenzt das Sichtfeld, wohin die Führungskraft überhaupt schaut und welche Märkte, Kennzahlen und Stimmen in ihrem Radar vorkommen. Dann selektiert die Wahrnehmung, was aus dem Sichtfeld tatsächlich registriert wird. Schließlich färbt die Interpretation, welche Bedeutung das Registrierte erhält (Hambrick & Mason, 1984). Strategische Blindheit entsteht selten auf der letzten Stufe, stattdessen stand das Übersehene selten im Sichtfeld. Wer die Weltsicht einer Spitze verstehen oder verändern will, beginnt deshalb nicht bei ihren Schlussfolgerungen, sondern bei ihrem Radar.
Von Beginn an war die Theorie dabei als Teamtheorie angelegt, denn nicht der CEO allein, sondern die dominante Koalition der Spitze bildet den Spiegel (Hambrick & Mason, 1984). Die Forschung zu Top-Management-Teams hat diese Weitung bestätigt: Zusammensetzung, Heterogenität und Interaktionsqualität des Führungsteams erklären Strategie- und Leistungsunterschiede über die Merkmale der Einzelpersonen hinaus (Carpenter et al., 2004; Finkelstein et al., 2009). Wer den Spiegel verstehen will, muss also auf das Gremium schauen, nicht nur auf seinen Vorsitzenden. Diese Weichenstellung wird für die Coaching-Konsequenzen in Abschnitt 4.4 tragend. Die empirische Bilanz ist umfangreich. Die Übersichtsarbeit von Carpenter, Geletkanycz und Sanders (2004) dokumentiert Zusammenhänge zwischen Merkmalen von Topmanagern und Teams einerseits und Strategiewahl, Innovationsverhalten, Diversifikation und Leistung andererseits. Die Varianzstudien beziffern den CEO-Anteil an der Leistungsvarianz auf substanzielle Größenordnungen (Mackey, 2008), mit steigender Tendenz über die Jahrzehnte (Quigley & Hambrick, 2015). Und die Psychologie hat nachgezogen: Kaiser, Hogan und Craig (2008) bündeln in ihrer vielzitierten Synthese die Evidenz, dass Führungsqualität über Teamleistung, Klima und Fluktuation bis in harte Organisationsergebnisse durchschlägt. Wer führt, entscheidet mit über das Schicksal der Organisation, im Guten wie im Schlechten.
3.2 Kanäle: Wie die Verfassung der Spitze durch das Haus wandert
Der Spiegel-Befund sagt, dass die Spitze prägt; die Kanalforschung zeigt, wie. Vier Übertragungswege sind gut belegt. Der erste ist die Kulturprägung: Schein (2010) beschreibt detailliert, mit welchen Mechanismen Führung Kultur einbettet, worauf sie achtet und was sie misst, wie sie auf Krisen reagiert, wen sie befördert, was sie vorlebt. Empirisch zeigen O’Reilly, Caldwell, Chatman und Doerr (2014), dass die Persönlichkeit des CEO in der Unternehmenskultur messbar wiederkehrt und diese Kultur mit der Leistung zusammenhängt. Berson, Oreg und Dvir (2008) weisen dieselbe Kette für Werte nach. Die persönlichen Werte des CEO korrelieren mit der Kulturausprägung des Hauses und diese mit Ergebnisgrößen. Kultur ist, zugespitzt, geronnene Chefpsychologie.
Der zweite Kanal ist die Kaskade. Führungsverhalten reproduziert sich über Hierarchieebenen: Mayer et al. (2009) zeigen für ethische Führung, dass das Verhalten der obersten Ebene das der mittleren prägt und erst über diese bei den Beschäftigten ankommt. Die Spitze führt, auch wenn sie nicht anwesend ist, weil ihre Muster von Ebene zu Ebene weitergereicht werden. Der dritte Kanal ist die emotionale Ansteckung: Stimmungen übertragen sich in Interaktionen unwillkürlich (Hatfield et al., 1994), und bei Führungskräften ist diese Übertragung asymmetrisch. Die Stimmung der Leitung färbt nachweislich die Stimmung und Koordination ganzer Gruppen (Sy et al., 2005). Der vierte Kanal schließlich ist die Norm- und Symbolwirkung: Was die Spitze tut, definiert, was im Haus als normal, erlaubt und erwartbar gilt: von der Sitzungskultur über den Umgang mit Fehlern bis zur Frage, ob Widerspruch Karrieren fördert oder beendet. Am Fehlerumgang lässt sich die Wirkweise exemplarisch besichtigen: Wie die Spitze auf den ersten großen Fehler nach ihrem Amtsantritt reagiert (mit Ursachenanalyse oder mit Schuldigensuche), wird im Haus erzählt, generalisiert und in Verhaltensregeln übersetzt, lange bevor irgendein Prozesshandbuch angepasst ist. Eine einzige gut sichtbare Episode kann Jahre offizieller Fehlerkultur-Kommunikation beglaubigen oder entwerten (Schein, 2010).
Zwei Eigenschaften der Kanäle verdienen Hervorhebung, weil sie in der Praxis regelmäßig unterschätzt werden. Sie arbeiten erstens absichtsunabhängig: Übertragen wird nicht, was die Spitze übertragen will, sondern was sie zeigt, wobei die gereizte Bemerkung im Flur sendet auf denselben Frequenzen sendet wie das sorgfältig formulierte Leitbild und das sogar glaubwürdiger. Und sie arbeiten zweitens mit Verstärkung nach unten: Weil Beschäftigte das Verhalten der Spitze aufmerksam nach Hinweisen absuchen (es entscheidet schließlich über ihre Zukunft), werden schwache Signale überinterpretiert und beiläufige Episoden zu Erzählungen, die durch das Haus wandern (Schein, 2010). Eine Führungsspitze hat insofern keine Privatlaunen, sondern Rundfunklizenzen. Zusammengenommen ergeben die vier Kanäle das, was hier Upper-Echelons-Spirit genannt wird: Die Verfassung der Spitze wandert über Kultur, Kaskade, Ansteckung und Norm in die Organisation ein und wird dort zur erlebten Realität von Menschen, die den Vorstand nie persönlich treffen. Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit der Kanäle: Kulturprägung braucht Jahre, Ansteckung Minuten. Die Spitze sendet also permanent, auf mehreren Frequenzen zugleich und sie kann nicht nicht senden.
3.3 Schatten: Wenn der Spirit kippt
Dieselben Kanäle übertragen auch das Ungünstige und gerade hier ist die Evidenz eindrücklich. Chatterjee und Hambrick (2007) zeigen, dass narzisstische CEOs (gemessen an unaufdringlichen Indikatoren wie Fotogröße im Geschäftsbericht und Ich-Dichte in Interview) strategische Extreme produzieren: größere Akquisitionen, höhere Volatilität, spektakulärere Ausschläge in beide Richtungen. Hayward und Hambrick (1997) belegen, dass CEO-Hybris sich in überhöhten Übernahmeprämien materialisiert. wodurch Selbstüberschätzung hier buchstäblich bilanzwirksam wird. Die Persönlichkeitsforschung ergänzt die Innenseite: Unter Druck treten die „dunklen“ Dispositionen einer Führungskraft hervor, die im Auswahlprozess als Stärken erschienen, so dass aus Selbstvertrauen Arroganz wird, aus Detailstärke Kontrollzwang und aus Charme Manipulation (Hogan & Hogan, 2001). Führungsentgleisung ist selten ein plötzlicher Absturz, sondern die langsame Übersteuerung von Eigenschaften, die einmal Erfolgsfaktoren waren.
Der Verlauf solcher Entwicklungen folgt oft einer bitteren Logik, die sich aus den bisherigen Bausteinen zusammensetzt: Erfolg erhöht das Selbstvertrauen und die Medienresonanz und ebenso nährt beides die Selbstüberschätzung (Hayward & Hambrick, 1997). Die wachsende Autorität dünnt den Widerspruch weiter aus und die daraus resultierenden riskanteren Entscheidungen, gehen eine Zeit lang gut und bestätigen solange das Muster bis eine nicht mehr gut geht. Das Tückische ist die lange Inkubationszeit: In jeder einzelnen Phase wirkt das Verhalten der Spitze für sie selbst rational und für das Umfeld unangreifbar. Von außen betrachtet ist der Verlauf vorhersagbar. Von innen jedoch ist er unsichtbar.
Für die Zwecke dieses Beitrags ist an diesen Befunden zweierlei wesentlich. Erstens ihre Reichweite: Über die Kanäle aus 3.2 bleibt die Entgleisung nicht privat und der Preis wird von der Organisation in Kultur, Entscheidungsqualität und im Zweifel in Milliardenbeträgen gezahlt. Zweitens ihre Früherkennbarkeit: Die Muster kündigen sich an, aber die Umgebung der Spitze ist strukturell die letzte, die sie anspricht. Dies geschieht aus denselben Gründen, die Abschnitt 3.2 sichtbar gemacht hat: Wer nach oben meldet, filtert, und wer befördert werden will, schweigt. Es gibt im System der Organisation keinen Ort, an dem der kippende Spirit der Spitze routinemäßig bemerkt und bearbeitet würde. Es sei denn, man schafft ihn.
3.4 Hebel: Was Coaching auf Spitzenebene erreichen kann
Dass die Coaching-Forschung diese organisationale Flanke so lange vernachlässigt hat, hat übrigens handfeste methodische Gründe: Individuelle Ergebnisse sind in Monaten messbar, organisationale brauchen Jahre. Während die Selbstauskunft des Klienten billig zu erheben ist, sind es Klima- und Leistungsdaten des Verantwortungsbereichs nicht. Zudem wirft die Zurechnung organisationaler Veränderungen zu einem einzelnen Coaching-Prozess wirft Attributionsprobleme auf, denen Forscher verständlicherweise ausweichen. In der Konsequenz misst das Feld aber systematisch dort, wo das Licht ist, statt dort, wo der Schlüssel liegt.
Damit zur zweiten Hälfte der These: der Veränderbarkeit. Dass Coaching die individuelle Verfassung von Führungskräften verändert, ist solide belegt. Zielerreichung, Selbstregulation, Bewältigung und Wohlbefinden verbessern sich mit mittleren Effektstärken, auch unter randomisiert-kontrollierten Bedingungen (Theeboom et al., 2014; Jones et al., 2016; de Haan & Nilsson, 2023). Bemerkenswert ist, wie genau die belegten Coaching-Wirkungen auf die drei Komponenten passen, aus denen sich die Verfassung der Spitze zusammensetzt: Verbesserte Selbstreflexion und Zielklarheit adressieren die kognitive Seite, gestärkte Bewältigung und Wohlbefinden die affektive und die in der Wirkfaktorenforschung dokumentierte Arbeit an Selbstbild und Verhaltensmustern berührt die normative (Theeboom et al., 2014; Jones et al., 2016). Coaching verändert also nachweislich genau die Größen, die die Upper-Echelons-Forschung als organisationsprägend ausweist, so dass die beiden Literaturen präziser ineinander greifen, als ihre gegenseitige Nichtbeachtung vermuten ließe.
Interessant für die vorliegende These ist die Definitionsgeschichte des Feldes: Schon Kilburg (1996) nahm die Verbesserung der Organisationswirksamkeit ausdrücklich in seine Bestimmung des Executive Coachings auf, so dass das Feld hat seinen organisationalen Anspruch also von Beginn an formuliert hat, ihn aber messtechnisch kaum eingelöst. Die Evaluationsforschung bestätigt diese Lücke: Distale, organisationale Ergebnisgrößen werden in Coaching-Studien selten erhoben und der Kontext der Organisation wird häufiger als Störgröße denn als Wirkungsraum behandelt (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018).
Wo die Spitze als Kollektiv wirkt, erweitert sich der Hebel vom Individuum zum Team. Hackman und Wageman (2005) haben mit ihrer Theorie des Team-Coachings die Bedingungen präzisiert, unter denen Coaching Teamprozesse verbessert, nämlich richtige Zeitpunkte, aufgabenbezogene Fokussierung und echte Teamstruktur. Kets de Vries (2005) beschreibt, wie Gruppen-Coaching auf Vorstandsebene verdeckte Dynamiken bearbeitbar macht, die im Einzelsetting unsichtbar bleiben. Da der Upper-Echelons-Spirit eines Hauses selten die Verfassung einer Einzelperson ist, sondern die eines Führungskreises samt seiner Interaktionsmuster, gehört diese Erweiterung systematisch zur These. In der Summe trägt die Evidenz beide Glieder der Ausgangsthese mit einer präzisen Einschränkung: Der Zusammenhang zwischen Spitzenverfassung und Organisationsergebnis ist direkt belegt, die Veränderbarkeit der Spitzenverfassung durch Coaching ebenfalls. Der Schluss auf die organisationale Wirkung des Coachings ist damit mechanismisch gut begründet, aber als durchgängige Kausalkette bislang selten direkt gemessen. Was das für die Belastbarkeit der These bedeutet, nimmt die Diskussion auf, nachdem zunächst ihre Konsequenzen zu entwickeln sind.
4. Hauptteil: Der Upper-Echelons-Spirit und seine Übersetzung ins Coaching
4.1 Begriffsbestimmung: Drei Komponenten einer Verfassung
Der Upper-Echelons-Spirit wird hier definiert als die durch die Übertragungskanäle organisationswirksame Verfassung der Führungsspitze, bestehend aus drei Komponenten. Die kognitive Komponente umfasst, womit die Spitze ihre Aufmerksamkeit füttert und wie sie denkt: welche Annahmen als geprüft gelten und welche als unantastbar, ob Widerspruch als Ressource oder als Störung verarbeitet wird und wie mit Nichtwissen umgegangen wird. Die affektive Komponente umfasst die energetische Lage: Grundstimmung, Umgang mit Druck und Rückschlägen, die Schwingung, die Sitzungen und Entscheidungen unterlegt — jene Frequenz, die über emotionale Ansteckung unmittelbar sendet (Sy et al., 2005). Die normative Komponente schließlich umfasst die gelebten Maßstäbe: was belohnt, was geduldet, was sanktioniert wird. Die Differenz zwischen verkündeten und praktizierten Werten wird von jeder Belegschaft mit hoher Präzision registriert (Schein, 2010; Berson et al., 2008).
Vom verwandten Kulturbegriff unterscheidet sich der Spirit durch Ort und Tempo: Kultur ist das im Haus sedimentierte Ergebnis und meint geteilte Annahmen, die auch nach einem Führungswechsel fortbestehen (Schein, 2010). Der Spirit ist die aktuelle Verfassung der Spitze, die dieses Sediment laufend speist. Kultur ist der Gletscher, der Spirit das Wetter, das ihn nährt oder abträgt. Für das Coaching ist diese Unterscheidung entscheidend, denn sie bestimmt den Ansatzpunkt: Kulturveränderungsprogramme arbeiten am Gletscher und wundern sich über Jahrzehntprojekte. Die Arbeit am Spirit setzt am Wetter an — dort, wo die Prägung täglich neu entsteht.
Zwei Eigenschaften machen den Begriff analytisch brauchbar. Er ist erstens beobachtbar (alle drei Komponenten zeigen sich in konkretem Verhalten, nicht in Bekenntnissen) und zweitens kollektiv gedacht: Der Spirit eines Hauses entsteht aus der Verfassung des Führungskreises einschließlich seiner Interaktionsmuster, nicht aus der CEO-Psyche allein. Ein Vorstand, dessen Mitglieder einzeln reflektiert und gemeinsam dysfunktional sind, sendet Dysfunktion. Für die Coaching-Praxis heißt Beobachtbarkeit: Der Spirit lässt sich erheben. Die kognitive Komponente zeigt sich in Entscheidungsartefakten. Welche Themen dominieren die Agenden, wie lange überleben Gegenpositionen und was ist mit dem letzten großen Irrtum geschehen? Die affektive Komponente zeigt sich in der Interaktionstönung, die strukturiertes Führungsfeedback und Beobachtung sichtbar machen. Die normative Komponente zeigt sich am schärfsten in Personalentscheidungen und im Umgang mit Grenzfällen und nicht in Wertedokumenten. Ein Coach, der auf Spitzenebene arbeitet, tut deshalb gut daran, den Spirit zu Beginn systematisch zu kartieren und zwar mit denselben Standards an Sorgfalt und Mehrperspektivität, die für jede professionelle Eingangsdiagnostik gelten.
4.2 Erste Konsequenz: Doppelte Zielformulierung
Nimmt man die These ernst, verändert sich zuerst die Zielarbeit des Coachings. Jedes Entwicklungsziel einer Topführungskraft hat eine organisationale Schattenseite, welche durch professionelles Coaching explizit wird: Nicht nur „Ich will unter Druck gelassener entscheiden“, sondern auch „damit mein Führungskreis aufhört, meine Anspannung zu multiplizieren“. Nicht nur „Ich will besser zuhören“, sondern auch „damit in meinen Runden wieder Informationen ankommen, die mir bisher vorenthalten werden“. Diese doppelte Formulierung ist mehr als Rhetorik: Sie definiert, woran der Erfolg beobachtet werden soll und verlagert einen Teil der Erfolgsmessung dorthin, wo der Spirit ankommt, nämlich in die Organisation. Methodisch schließt das an die etablierte Erkenntnis an, dass präzise Zielarbeit den Coaching-Erfolg trägt (Greif, 2008; Grant, 2012). Wie das die Arbeit verändert, zeigt ein Beispiel. Eine CEO formuliert als Ziel, in Konfliktsituationen weniger scharf zu reagieren — ein klassisches Einzelziel. Die organisationale Doppelung fragt weiter: Was hat Ihre Schärfe im Haus bereits angerichtet und woran würden Ihre Bereichsleiter merken, dass sich etwas geändert hat? Aus der Antwort entsteht ein zweiter Zielhorizont, wie z. B.: In sechs Monaten bringen meine Direktberichte wieder eigene Vorschläge mit, statt meine zu exekutieren und gleichzeitig ein Beobachtungsauftrag, der den Fortschritt dort prüft, wo er zählt. Die Erfahrung zeigt: Klienten auf dieser Ebene empfinden die Doppelung nicht als Zumutung, sondern als Ernstnahme — sie denken ohnehin in Organisationswirkungen, nur selten über die eigene Person als deren Quelle.
Zweite Konsequenz: Arbeit an den Kanälen selbst
Die Übertragungskanäle sind nicht nur Wirkungswege, sondern Arbeitsgegenstände. Wenn Aufmerksamkeit Kultur prägt (Schein, 2010), ist der Kalender der Spitze ein Kulturdokument und seine Analyse im Coaching keine Zeitmanagement-Übung, sondern Organisationsdiagnostik: Was diese Person sich anschauen lässt, erfährt das Haus als wichtig. Wenn Stimmung ansteckt, ist die affektive Selbstregulation vor entscheidenden Terminen keine private Wellness, sondern Führungsarbeit mit Multiplikator. Hier haben achtsamkeitsbasierte Verfahren ihren organisational begründeten Platz (Bannwolf, 2024). Und wenn Normen durch Symbolhandlungen gesetzt werden, gehört ins Coaching die bewusste Gestaltung genau dieser Handlungen: Wie reagiert der Klient auf den ersten Überbringer einer schlechten Nachricht nach dem Coaching-Beginn? Wen befördert er als Nächstes und was liest das Haus daraus? Der Coach arbeitet hier mit dem Klienten an dessen Sendeverhalten — in dem Wissen, dass die Organisation ohnehin empfängt.
Die Kalenderanalyse sei als Arbeitsprobe skizziert, weil sie den Perspektivwechsel greifbar macht. Ein Geschäftsführer, der Innovation zur Priorität erklärt hat, findet in zwölf Wochen Kalender vier Stunden Innovationsthemen und vierzig Stunden Eskalationen des Tagesgeschäfts. Für die klassische Coaching-Lesart ist das ein Selbstmanagement-Befund. Die Upper-Echelons-Lesart ist unbequemer: Das Haus hat diese Prioritätenverteilung längst registriert und daraus die reale Strategie abgelesen: Innovation ist Rhetorik, Eskalation wird belohnt. Der Kalender log nicht, das Leitbild schon. Entsprechend arbeitet das Coaching an der Aufmerksamkeitsallokation nicht als Effizienz-, sondern als Botschaftsfrage: Was soll dieses Haus in den nächsten zwölf Wochen aus dem Kalender seiner Spitze lesen?
4.4 Dritte Konsequenz: Vom Einzelsetting zum Führungskreis
Weil der Spirit kollektiv ist, stößt das Einzelcoaching an eine systematische Grenze: Es kann die Verfassung eines Mitglieds verändern und doch die Verfassung des Gremiums verfehlen, wenn deren Quelle in den Interaktionsmustern liegt. Die Analogie aus dem Staffellauf beschreibt das Problem präzise: Eine Staffel ist nicht so schnell wie ihre schnellsten Läufer, sondern so schnell wie ihre Übergaben und diese lassen sich nur gemeinsam trainieren. Für die Praxis folgt daraus eine Indikationsregel: Liegt die kritische Dynamik zwischen den Personen (Koalitionen, Tabuzonen, kollektive Vermeidung), ist Team-Coaching des Führungskreises indiziert, unter den Wirksamkeitsbedingungen, die Hackman und Wageman (2005) benannt haben und mit der Tiefenschärfe, die Kets de Vries (2005) für die Vorstandsebene beschreibt. Liegt sie dagegen in der Verfassung einzelner Mitglieder, bleibt das Einzelformat erste Wahl. Bewährt hat sich in solchen Kombinationen eine Sequenzlogik: zuerst die Einzelarbeit mit den Schlüsselpersonen, damit individuelle Themen nicht ungeklärt in den Gruppenraum dränge und anschließend die gemeinsame Arbeit am Gremium, wenn die Mitglieder ihre eigenen Anteile kennen, Begleitend sollte es klare Absprachen geben, welche Erkenntnisse zwischen den Formaten wandern dürfen und welche nicht. Häufig ist also die Kombination angezeigt und sauber getrennte Vertraulichkeitsräume, denn die Vertraulichkeitsordnung zwischen Klient, Coach und Organisation wird im Mehrpersonen-Setting nicht einfacher, sondern anspruchsvoller. Auch das Risikoprofil verschiebt sich: Gruppensettings können Dynamiken freisetzen, die anschließend niemand auffängt und die Forschung zu unerwünschten Coaching-Wirkungen mahnt gerade hier zu professioneller Sorgfalt (Schermuly & Graßmann, 2019).
4.5 Vierte Konsequenz: Evaluation dort, wo der Spirit ankommt
Die letzte Konsequenz betrifft die Erfolgsmessung. Wenn die Wirkung des Spitzen-Coachings organisational gedacht wird, darf seine Evaluation nicht bei der Selbstauskunft des Klienten enden. Der Evaluationsrahmen von Ely et al. (2010) bietet dafür die Systematik distaler Kriterien. Praktisch heißt das: Führungsfeedback aus dem Umfeld vor und nach dem Prozess, Klimaindikatoren des Verantwortungsbereichs, beobachtbare Veränderungen in den Kanälen. Spricht in den Sitzungen des Klienten inzwischen jemand anderes als er selbst? Kommen schlechte Nachrichten schneller nach oben? Solche Messung ist aufwendiger als ein Zufriedenheitsbogen, aber sie entspricht dem Anspruch, den das Feld seit seiner Gründungsdefinition vor sich herträgt (Kilburg, 1996) und sie diszipliniert Anbieter wie Auftraggeber, die Organisationswirkung nicht nur zu behaupten.
Das Attributionsproblem, das solche Messung aufwirft, sollte dabei weder verschwiegen noch überhöht werden. Selbstverständlich verändert sich ein Bereichsklima auch aus tausend anderen Gründen, denn kein seriöser Anbieter wird eine Klimaverbesserung monokausal seinem Coaching zuschreiben. Verlangt ist Bescheideneres und zugleich Wertvolleres: konvergente Indizien statt Kausalbeweis. Passt die zeitliche Abfolge, passen die Veränderungen zu den bearbeiteten Themen, berichten unabhängige Quellen Ähnliches? Wer so evaluiert, arbeitet auf dem Erkenntnisniveau, das auch sonst für Führungsentscheidungen genügt. Nur der Verzicht auf jede organisationale Messung ist durch das Attributionsproblem nicht zu rechtfertigen. Er wäre, als weigerte man sich, den Blutdruck zu messen, weil viele Faktoren ihn beeinflussen.
5. Ergebnisse in Thesenform
Erstens: Die Spiegelthese ist keine Metapher, sondern ein vermessener Mechanismus. Der Zusammenhang zwischen der Verfassung der Führungsspitze und Strategie, Kultur und Leistung der Organisation ist über vier Jahrzehnte, hunderte Studien und mehrere Methodenfamilien belegt (Hambrick & Mason, 1984; Carpenter et al., 2004; Mackey, 2008; Kaiser et al., 2008); seine Randbedingungen — Handlungsspielraum und Anforderungsdruck — sind bekannt (Hambrick, 2007).
Zweitens: Die Übertragung läuft über vier identifizierbare Kanäle. Kulturprägung (Schein, 2010; O’Reilly et al., 2014), Verhaltenskaskaden (Mayer et al., 2009), emotionale Ansteckung (Sy et al., 2005; Hatfield et al., 1994) und Norm-/Symbolwirkung übersetzen die kognitive, affektive und normative Verfassung der Spitze — ihren Upper-Echelons-Spirit — in erlebte Organisationsrealität. Die Spitze kann nicht nicht senden.
Drittens: Der Hebel ist real, seine Vermessung steht aus. Coaching verändert die individuelle Verfassung nachweislich (Theeboom et al., 2014; de Haan & Nilsson, 2023) und die Organisationswirkung dieser Veränderung ist mechanisch gut begründet. Direkt gemessen wird sie bislang selten (Ely et al., 2010; Athanasopoulou & Dopson, 2018). Damit ist die These stark fundiert und zugleich ein Forschungsauftrag.
Viertens: Aus der These folgt eine andere Coaching-Praxis. Doppelte Zielformulierung mit organisationaler Adresse, Arbeit am Sendeverhalten des Klienten entlang der Kanäle, Indikationsentscheidung zwischen Einzel- und Führungskreis-Format und Evaluation an distalen Kriterien — vier Übersetzungen, die Spitzen-Coaching von gehobener Personalentwicklung unterscheiden.
Fünftens: Mit der Reichweite wächst die Verantwortung auf allen Seiten. Ein Format, das die prägendste Variable einer Organisation bearbeitet, verträgt weder Gefälligkeitsanbieter noch Alibi-Beauftragungen. Die Schattenbefunde (Chatterjee & Hambrick, 2007; Hayward & Hambrick, 1997) machen die Alternative konkret: Der ungecoachte, unkorrigierte Spirit einer entgleisenden Spitze hat einen bezifferbaren Preis und er wird nicht von der Spitze bezahlt.
6. Diskussion: Drei Einwände und ihre Erwiderung
Der erste Einwand ist der Great-Man-Verdacht: Überschätzt die Argumentation nicht die Spitze? Handelt es sich um eine Neuauflage des Heldenmythos, den die Führungsforschung längst verabschiedet hat? Die Erwiderung liegt in der Theorie selbst. Die Upper-Echelons-Forschung behauptet keine Allmacht, sondern einen probabilistischen, moderierten Effekt: Er wächst mit dem Handlungsspielraum und schrumpft mit dessen Grenzen (Hambrick & Finkelstein, 1987; Hambrick, 2007) und er wirkt größtenteils unspektakulär in Form von Filtern, Prioritäten und Klima statt über heroische Einzelentscheidungen. Gerade die Kanalbefunde entzaubern den Mythos: Die Spitze wirkt nicht, weil sie übermenschlich wäre, sondern weil Hierarchie ihre gewöhnliche Menschlichkeit verstärkt. Wer den CEO-Effekt für Heldenverehrung hält, verwechselt den Verstärker mit dem Sänger. Im Übrigen wäre der Einwand, selbst wo er trüge, kein Einwand gegen das Coaching: Auch ein bescheidenerer Spitzeneffekt bliebe — verglichen mit dem, was andere Einzelinterventionen an Organisationsvarianz erreichen — ein außerordentlicher Hebel.
Der zweite Einwand ist der Evidenz-Vorbehalt: Bleibt die Organisationswirkung des Coachings nicht Spekulation, solange sie nicht direkt gemessen ist? Hier ist Redlichkeit geboten und sie beginnt mit einem Zugeständnis: Die durchgängige Kette — Coaching verändert die Spitzenverfassung, die veränderte Verfassung verändert die Organisation — ist in dieser Vollständigkeit selten geprüft. Es liegen gut belegte Teilstrecken und eine plausible Verbindung vor. Drei Gründe sprechen dagegen, daraus Beliebigkeit zu folgern. Die Teilstrecken sind jeweils mit starker Evidenz versehen, teils auf RCT- und Metaanalyse-Niveau. Die Verbindungsmechanismen sind keine Blackbox, sondern benannte, unabhängig erforschte Kanäle und die Alternativhypothese — die Verfassung der Spitze ändere sich, ohne dass die Organisation es bemerkt — müsste erklären, warum ausgerechnet die bestbelegten Übertragungswege der Führungsforschung im Coaching-Fall aussetzen sollten. Dennoch bleibt die direkte Messung das fehlende Stück: Studien, die Coaching-Prozesse auf Spitzenebene mit Vorher-Nachher-Daten aus der Organisation verbinden (Führungsfeedback, Klimaindikatoren, Entscheidungsqualität), sind der nächste notwendige Schritt dieser Forschungslinie, idealerweise mehrebenenanalytisch und mit angemessen langen Zeiträumen.
Der dritte Einwand ist der Instrumentalisierungs-Verdacht: Macht die organisationale Rahmung das Coaching nicht zum Werkzeug des Auftraggebers in der Form einer Entwicklung im Dienste der Firma statt des Menschen? Der Einwand verdient Ernst, denn er benennt eine reale Gefahr, nur trifft er nicht die These, sondern ihre denkbare Verkürzung. Die doppelte Zielformulierung aus Abschnitt 4.2 ist ausdrücklich doppelt: Sie ergänzt die persönliche Adresse der Ziele um die organisationale, ersetzt sie aber nicht. Und die Loyalitätsordnung des Formats bleibt unberührt, denn im Konfliktfall gilt der Vorrang der Klientenentwicklung, mit allen Vertraulichkeits- und Kontraktregeln, die diese Reihe an anderer Stelle ausgearbeitet hat. Tatsächlich kehrt sich der Einwand bei genauem Hinsehen um: Gerade weil die Verfassung der Spitze organisational durchschlägt, ist die geschützte, nicht instrumentalisierte Entwicklung dieser Verfassung im wohlverstandenen Interesse aller Beteiligten. Die Organisation profitiert am meisten von einem Coaching, das sie nicht steuert.
Aus der Erwiderung auf die drei Einwände ergibt sich beiläufig ein Anforderungsprofil für die Coach-Auswahl auf Spitzenebene, das über die üblichen Kriterien hinausgeht. Wer Organisationswirkung mitdenken soll, braucht neben coaching-methodischem Können ein belastbares Verständnis strategischer Führung und organisationaler Dynamik, Dies meint die Fähigkeit, einen Kalender als Kulturdokument zu lesen, eine Vorstandsdynamik von einer Einzelthematik zu unterscheiden und Evaluationsdaten sauber zu interpretieren. Das ist eine akademisch anspruchsvolle Kombination aus Psychologie und Managementwissenschaft, und Auftraggeber dürfen sie prüfen: Ein Anbieter, der auf die Frage, wie er die Organisationswirkung eines Spitzen-Coachings konzipiert und misst, nur die Zufriedenheit des Klienten anzubieten hat, arbeitet unterhalb der Möglichkeiten, die dieser Beitrag beschrieben hat.
Für die Forschung schließlich zeichnet die Analyse ein Programm mit drei Linien: 1. die bereits benannten Verbundstudien, die Coaching-Prozesse auf Spitzenebene mit organisationalen Vorher-Nachher-Daten koppeln, 2. Mehrebenen-Designs, die den Weg der Veränderung durch die Kanäle verfolgen — verändert sich nach dem Coaching zuerst das Verhalten der Spitze, dann das der nächsten Ebene, dann das Klima?, 3. Die Schattenseite als eigenes Feld — ob Coaching die dokumentierten Entgleisungsverläufe (Chatterjee & Hambrick, 2007; Hogan & Hogan, 2001) tatsächlich früher unterbricht, wäre eine der praktisch wertvollsten Fragen, die diese Forschung beantworten könnte.
Jenseits der Einwände markiert die Analyse eine Verschiebung im Selbstverständnis des Feldes. Executive Coaching auf Spitzenebene ist, upper-echelons-theoretisch betrachtet, die gezielteste Organisationsintervention, die es gibt: Sie setzt an der Stelle mit der höchsten Varianzaufklärung an, arbeitet mit der Person statt an Strukturen um sie herum und nutzt Übertragungswege, die ohnehin aktiv sind. Zugleich wächst mit dem Hebel die Verantwortung, denn ein Coaching, das die Verfassung eines Menschen verändert und dessen Verfassung tausende Arbeitsverhältnisse färbt, ist kein privates Arrangement mehr. Aus diesem Grund sollten Anbieter wie Auftraggeber es entsprechend sorgfältig konzipieren, vergeben und prüfen.
7. Schluss
Hambrick und Mason haben vor vier Jahrzehnten einen Satz in die Welt gesetzt, dessen Konsequenzen die Praxis bis heute nicht ausgeschöpft hat: Die Organisation ist das Spiegelbild ihrer Spitze. Die Forschung seither hat den Satz nicht relativiert, sondern präzisiert und dabei die Kanäle vermessen, die Schatten dokumentiert und die Randbedingungen bestimmt. Für das Executive Coaching folgt daraus eine Aufwertung und eine Zumutung in einem. Die Aufwertung: Wer an der Verfassung der Spitze arbeitet, arbeitet am wirksamsten Punkt des Systems — Coaching ist Organisationsentwicklung durch die Person. Die Zumutung: Dieser Anspruch will eingelöst werden, mit organisational gedachten Zielen, mit Arbeit an den Sendekanälen, mit dem Mut zum Führungskreis-Format und mit einer Erfolgsmessung, die sich der Organisation stellt. Der Upper-Echelons-Spirit eines Hauses entsteht täglich neu, ob jemand ihn gestaltet oder nicht. Die einzige offene Frage ist, ob seine Gestaltung dem Zufall überlassen bleibt — oder zur bewusstesten Aufgabe derer wird, die ihn verkörpern.
Der Artikel wurde am 01.08.2026 vom Dr. Bannwolf Research Team zuletzt inhaltlich und fachlich geprüft und weiterentwickelt. Nächster Prüf- und Updatetermin ist der 28.02.2027.8. Literatur
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