Ein Kamingespräch mit Dr. Bannwolf über Hochsensibilität bei Erwachsenen, feine Antennen, volle Kalender – und die etwas unromantische Erkenntnis, dass auch sensible Menschen gelegentlich Dinge erledigen müssen, auf die sie gerade keine Lust haben.
Kurzantwort: Hochsensibilität bezeichnet in der Forschung keine Krankheit und keine psychische Diagnose, sondern ein Temperamentsmerkmal, das als Sensory Processing Sensitivity (SPS) untersucht wird. Menschen unterscheiden sich darin, wie empfindlich sie auf innere und äußere Reize und ihre Umwelt reagieren. Höhere Sensibilität kann bestimmte Umgebungen anstrengender machen, zugleich aber auch mit einer stärkeren Empfänglichkeit für günstige Bedingungen und positive Erfahrungen verbunden sein (Greven et al., 2019). Das Merkmal liegt auf einem Kontinuum; eine scharfe Grenze zwischen „hochsensibel“ und „nicht hochsensibel“ gibt die Forschung nicht her (Lionetti et al., 2018). Hochsensibel und erfolgreich zu sein ist deshalb kein Widerspruch. Für ambitionierte Menschen geht es weder um Schonung noch um Härte um jeden Preis, sondern darum, die eigene Sensibilität zu kennen, Belastung klug zu steuern und bei den Anforderungen handlungsfähig zu bleiben, die trotzdem bewältigt werden müssen.
Hochsensibilität darf vieles erklären. Sie sollte den eigenen Handlungsspielraum nicht kleiner machen.
Ist heute eigentlich jeder hochsensibel?
Interviewer: Herr Dr. Bannwolf, Hochsensibilität scheint gerade ausgesprochen verbreitet zu sein.
Dr. Bannwolf: Das Wort auf jeden Fall.
Interviewer: Sie klingen skeptisch.
Dr. Bannwolf: Gegenüber dem Phänomen nicht. Gegenüber der Geschwindigkeit, mit der wir Menschen heute mit psychologischen Etiketten versehen, gelegentlich schon.
Jemand braucht nach einem vollen Tag Ruhe.
Hochsensibel.
Jemand mag Großraumbüros nicht.
Hochsensibel.
Jemand findet eine Weihnachtsfeier mit 180 Menschen anstrengend.
Möglicherweise einfach vernünftig.
Nicht jede Reizempfindlichkeit, Erschöpfung nach sozialen Situationen oder Abneigung gegen Lärm bedeutet deshalb automatisch, dass jemand am oberen Ende des Sensitivitätskontinuums liegt. Menschen unterscheiden sich vielmehr graduell darin, wie sensitiv sie auf Reize und Umweltbedingungen reagieren – die Forschung beschreibt Sensitivität entsprechend als Kontinuum.
Interviewer: Es gibt Hochsensibilität also wirklich?
Dr. Bannwolf: Selbstverständlich gibt es das Forschungsfeld.
Der wissenschaftliche Begriff lautet Sensory Processing Sensitivity, kurz SPS. Gemeint sind individuelle Unterschiede darin, wie sensibel Menschen auf innere und äußere Reize beziehungsweise auf ihre Umwelt reagieren. Die Forschung beschreibt SPS als verbreitetes und teilweise erbliches Temperamentsmerkmal, das mit einer stärkeren Empfänglichkeit für negative wie positive Umwelteinflüsse verbunden sein kann (Greven et al., 2019).
Wichtig finde ich aber:
Wir reden über ein Merkmal.
Nicht über eine Auszeichnung.
Und nicht über eine Diagnose.
Kann man überhaupt eindeutig sagen: Ich bin hochsensibel?
Interviewer: Aber genau das liest man ständig: „Ich bin hochsensibel.“
Dr. Bannwolf: Umgangssprachlich kann man das natürlich sagen.
Wissenschaftlich wird es interessanter.
Die Forschung spricht eher für ein Kontinuum als für einen Schalter.
Lionetti und Kollegen untersuchten 906 Erwachsene und fanden drei statistische Gruppen entlang dieses Kontinuums: 31 Prozent mit hoher, 40 Prozent mit mittlerer und 29 Prozent mit niedriger Sensibilität (Lionetti et al., 2018).
Die Autoren nannten sie Orchideen, Tulpen und Löwenzahn.
Interviewer: Das klingt jetzt überraschend wenig wissenschaftlich.
Dr. Bannwolf: Psychologen dürfen offenbar gelegentlich ins Gartencenter.
Der wichtige Punkt ist aber nicht die Blume.
Der wichtige Punkt ist:
Die größte Gruppe lag in der Mitte.
Das gefällt mir.
Denn das wirkliche Leben hat eine ausgesprochene Vorliebe für Zwischenstufen, während das Internet Kategorien bevorzugt.
Interviewer: Weil Kategorien besser funktionieren?
Dr. Bannwolf: Sie geben Orientierung.
Das kann ausgesprochen entlastend sein.
Manche Menschen lesen zum ersten Mal über Hochsensibilität und denken:
Jetzt verstehe ich endlich, warum mir manche Situationen so viel Energie abverlangen.
Das sollte man nicht kleinreden.
Problematisch wird es erst, wenn aus einer hilfreichen Beschreibung eine vollständige Identität wird.
Dann wird aus:
„Ich reagiere relativ sensibel auf Reize.“
irgendwann:
„Ich bin eben so.“
Und dieser Satz kann Entwicklung ziemlich zuverlässig beenden.
Was ist mit den ganzen Hochsensibilitäts-Tests?
Interviewer: Im Internet dauert es ungefähr drei Minuten, bis man einen Test findet.
Dr. Bannwolf: Das ist bei psychologischen Themen eine bemerkenswert konstante Naturgesetzlichkeit.
Es gibt tatsächlich ein wissenschaftliches Messinstrument. Elaine und Arthur Aron entwickelten bereits 1997 die Highly Sensitive Person Scale. Für den deutschen Sprachraum liegt ebenfalls eine psychometrisch untersuchte Fassung vor (Aron & Aron, 1997; Konrad & Herzberg, 2019).
Aber auch ein guter Fragebogen macht aus einem Temperamentsmerkmal keine Diagnose.
Er misst eine Ausprägung anhand von Selbstauskünften.
Das ist etwas völlig anderes als:
„Test bestanden. Sie sind jetzt offiziell hochsensibel.“
Die Forschung selbst weist darauf hin, dass das Feld objektivere Messverfahren und eine noch bessere Abgrenzung zu anderen Persönlichkeitsmerkmalen benötigt (Greven et al., 2019).
Interviewer: Also Selbsttest wegwerfen?
Dr. Bannwolf: Nein.
Nur nicht heiraten.
Wenn ein Fragebogen Ihnen hilft, sich genauer zu beobachten, wunderbar.
Dann beginnt die interessante Arbeit aber erst.
Was überfordert mich tatsächlich?
Wann?
Welche Situationen tun mir gut?
Wo brauche ich mehr Ruhe?
Und wo habe ich mir möglicherweise angewöhnt, jede unangenehme Anforderung als Reizüberflutung zu interpretieren?
Das sind wesentlich nützlichere Fragen als die Suche nach einem Etikett.
Hochsensibel und erfolgreich: Ist Hochsensibilität Belastung oder Stärke?
Interviewer: Im Internet ist es meistens eine Superkraft.
Dr. Bannwolf: Das Wort würde ich persönlich der Filmindustrie überlassen.
Die Forschung ist interessanter.
Sensiblere Menschen scheinen nicht einfach nur stärker unter ungünstigen Bedingungen zu leiden. Sie können auch stärker von günstigen, unterstützenden Bedingungen profitieren. Diese positive Seite wird unter anderem mit dem Konzept der Vantage Sensitivity beschrieben (Pluess & Belsky, 2013).
Greven und Kollegen fassen die Befundlage entsprechend in beide Richtungen zusammen: Höhere Sensibilität kann in negativen Umgebungen mit einem größeren Risiko für stressbezogene Probleme verbunden sein, gleichzeitig aber auch mit einem größeren Nutzen aus positiven und unterstützenden Erfahrungen (Greven et al., 2019).
Das ist für mich wesentlich spannender als „Schwäche oder Superkraft“.
Interviewer: Sondern?
Dr. Bannwolf: Passung.
Ein Mensch kann in einer chaotischen, lauten und permanent unterbrechenden Umgebung ausgesprochen erschöpft wirken und in einer konzentrierten, anspruchsvollen Umgebung hervorragend sein.
Nicht weil über Nacht seine Persönlichkeit gewechselt hätte.
Sondern weil dieselbe Persönlichkeit auf eine andere Umwelt trifft.
Und wie funktioniert das bei ambitionierten Menschen?
Interviewer: Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der mich interessiert.
Was ist mit Unternehmern, Führungskräften oder anderen Menschen, die viel wollen und gleichzeitig sehr sensibel sind?
Dr. Bannwolf: Dann treffen zwei Dinge aufeinander, die sich überhaupt nicht widersprechen müssen.
Ein Mensch kann sehr leistungsorientiert sein und trotzdem Lärm schlecht vertragen.
Er kann ausgesprochen entscheidungsstark sein und Konflikte emotional intensiv wahrnehmen.
Er kann gerne Verantwortung tragen und nach acht Stunden voller Menschen trotzdem dringend seine Ruhe brauchen.
Das alles geht gleichzeitig.
Was nicht funktioniert, ist die Vorstellung, Sensibilität befreie uns von den Anforderungen der Realität.
Interviewer: Jetzt wird es ungemütlich.
Dr. Bannwolf: Nur ein bisschen.
Wenn Sie ein Unternehmen führen, gibt es Tage, an denen Ihnen alles zu viel ist.
Und trotzdem muss die Gehaltsabrechnung funktionieren.
Wenn Sie einen Marathon laufen, kommt möglicherweise bei Kilometer 34 der Moment, in dem Ihr Nervensystem eine sehr überzeugende Präsentation zum Thema Aufhören hält.
Und trotzdem müssen Sie entscheiden, ob Sie weiterlaufen.
Wenn Sie ein schwieriges Gespräch führen müssen, können Sie sehr fein wahrnehmen, dass Ihr Gegenüber angespannt ist.
Das ist möglicherweise hilfreich.
Es ändert nur nichts daran, dass das Gespräch geführt werden muss.
Hochsensibilität kann erklären, warum etwas anstrengender ist.
Sie entscheidet nicht automatisch, ob etwas getan werden muss.
Diesen Unterschied halte ich für wichtig.
Kann Hochsensibilität im Beruf sogar nützlich sein?
Interviewer: Dann wäre die sensible Führungskraft möglicherweise sogar im Vorteil?
Dr. Bannwolf: Manchmal. Und manchmal nicht.
Auch hier würde ich die Heldengeschichte vermeiden.
Bei über 1.000 Beschäftigten zeigte sich beispielsweise, dass bestimmte Facetten höherer Sensibilität den Zusammenhang zwischen Arbeitsanforderungen und emotionaler Erschöpfung verstärkten. Gleichzeitig war eine niedrige sensorische Reizschwelle auch mit einem stärkeren positiven Zusammenhang zwischen Arbeitsressourcen und hilfreichem Verhalten gegenüber anderen verbunden (Vander Elst et al., 2019).
Das ist wieder diese Doppelseite.
Mehr empfangen bedeutet eben:
mehr empfangen.
Nicht nur das Schlechte.
Interviewer: Was könnte das praktisch heißen?
Dr. Bannwolf: Vielleicht bemerken Sie früher, dass ein Mitarbeiter im Meeting ungewöhnlich still ist.
Sie hören eine Unstimmigkeit in einer Argumentation.
Sie sehen Details.
Sie nehmen Stimmungen wahr.
Wunderbar.
Aber auch hier gilt:
Wahrnehmung ist noch keine Kompetenz.
Ich kann sehr viel wahrnehmen und trotzdem falsch interpretieren.
Ich kann jede Stimmung im Raum spüren und trotzdem eine schlechte Entscheidung treffen.
Die Qualität entsteht erst daraus, was ich mit meiner Wahrnehmung mache.
Was hat Sport damit zu tun?
Interviewer: Sie bringen ziemlich zuverlässig irgendwann Sport ins Gespräch.
Dr. Bannwolf: Das ist eine meiner weniger subtilen Eigenschaften.
Sport gefällt mir für dieses Thema, weil der Körper dort sehr schnell zwischen Sensibilität und Handlungsfähigkeit unterscheidet.
Sie können beim Trailrun jedes Ziehen wahrnehmen.
Jeden Temperaturwechsel.
Jeden falschen Sitz des Schuhs.
Das kann hilfreich sein.
Aber wenn jede Wahrnehmung sofort eine Handlungsanweisung wird, kommen Sie nicht besonders weit.
Interviewer: Also ignorieren?
Dr. Bannwolf: Nein. Einordnen.
Das ist etwas völlig anderes.
Manche Signale verlangen eine Reaktion.
Andere dürfen einfach da sein.
Diese Fähigkeit finde ich für ambitionierte Menschen zentral:
Etwas wahrnehmen, ohne ihm automatisch gehorchen zu müssen.
Das gilt für Sport.
Für Arbeit.
Für unangenehme Emotionen.
Und vermutlich für ziemlich viel im Leben.
Wann wird aus Selbstfürsorge eigentlich Vermeidung?
Interviewer: Das dürfte die unangenehmste Frage des Gesprächs sein.
Dr. Bannwolf: Dafür eine wichtige.
Selbstfürsorge bedeutet nicht, jede Belastung zu vermeiden.
Ein Muskel wird nicht leistungsfähiger, wenn er nie belastet wird.
Psychologisch ist es natürlich komplexer, aber die Grundfrage bleibt nützlich:
Hilft mir diese Anpassung, langfristig besser am Leben teilzunehmen?
Oder macht sie mein Leben immer kleiner?
Wenn ich weiß, dass ich nach einem vollen Tag eine Stunde Ruhe brauche und mir diese nehme, kann das sehr vernünftig sein.
Wenn ich irgendwann keine Besprechung, kein Restaurant, keinen Konflikt und keine unangenehme Situation mehr aushalte, weil ich alles unter „hochsensibel“ verbuche, würde ich genauer hinsehen.
Das Etikett sollte das Leben verständlicher machen.
Nicht kleiner.
Aber manche Dinge muss man einfach durchziehen?
Interviewer: Jetzt hätte ich gerne die vollkommen unpsychologische Antwort.
Manchmal muss man Dinge doch einfach durchziehen.
Dr. Bannwolf: Natürlich.
Psychologie bedeutet nicht, dass jede Handlung erst stattfinden darf, wenn sie sich innerlich vollkommen stimmig anfühlt.
Manchmal ist man müde und geht trotzdem trainieren.
Manchmal ist ein Gespräch unangenehm und wird trotzdem geführt.
Manchmal ist ein Projekt nervig und wird trotzdem fertig.
Manchmal klingelt der Wecker und die Persönlichkeit hat noch keine abschließende Stellungnahme abgegeben.
Dann steht man trotzdem auf.
Interviewer: Das klingt fast verdächtig bodenständig.
Dr. Bannwolf: Hoffentlich.
Die Kunst besteht darin, zwei Fehler gleichzeitig zu vermeiden.
Der erste lautet:
„Stell dich nicht so an.“
Damit übergehen wir reale Unterschiede zwischen Menschen.
Der zweite lautet:
„So bin ich eben.“
Damit machen wir aus einem Merkmal eine Grenze.
Dazwischen liegt für mich die interessante Position:
Ich nehme ernst, wie ich funktioniere. Und übernehme Verantwortung dafür, was ich daraus mache.
Wann hört Hochsensibilität auf, eine ausreichende Erklärung zu sein?
Interviewer: Und wann sollte man nicht mehr bei diesem Begriff stehen bleiben?
Dr. Bannwolf: Wenn das Etikett mehr verdeckt als erklärt.
Hochsensibilität ist keine psychische Diagnose.
Sie überschneidet sich mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen, unter anderem mit Neurotizismus und Introversion, geht darin aber nicht vollständig auf (Aron & Aron, 1997; Lionetti et al., 2019).
Und sie ersetzt keine fachliche Abklärung.
Wenn jemand über längere Zeit stark ängstlich ist, kaum noch Freude erlebt, sich immer weiter zurückzieht, dauerhaft erschöpft ist oder im Alltag erheblich beeinträchtigt wird, reicht die Antwort:
„Ich bin eben hochsensibel“
nicht.
Dann muss man genauer hinschauen.
Coaching behandelt keine psychische Erkrankung.
Und ein Hochsensibilitäts-Test ersetzt keine Diagnostik.
Ist Hochsensibilität angeboren – oder wird man so?
Interviewer: Jetzt kommt wahrscheinlich die Frage, die irgendwann immer kommt:
Ist man hochsensibel geboren?
Dr. Bannwolf: Zu einem gewissen Teil spricht die Forschung dafür.
Aber auch hier würde ich den Satz sofort wieder etwas kleiner machen.
Interviewer: Sie gönnen einem wirklich keine einfache Antwort.
Dr. Bannwolf: Das gehört leider zum Geschäftsmodell der Psychologie.
Eine größere Zwillingsstudie mit 2.868 Jugendlichen schätzte die Erblichkeit von Umweltsensitivität auf 0,47 (Assary et al., 2021).
Das bedeutet nicht:
47 Prozent Ihrer Hochsensibilität kommen von Ihren Eltern und 53 Prozent vom Großraumbüro.
Heritabilität beschreibt Unterschiede innerhalb einer Population. Vereinfacht gesagt deutet der Befund darauf hin, dass genetische Unterschiede einen substanziellen Anteil der Unterschiede in Sensitivität zwischen Menschen erklären.
Und gleichzeitig bleibt sehr viel Raum für Umwelt und Erfahrung.
Interviewer: Und die berühmten Hirnscans?
Dr. Bannwolf: Gibt es ebenfalls.
Aber bei denen würde ich besonders vorsichtig werden.
Kleine fMRT-Studien fanden bei Menschen mit höheren SPS-Werten Unterschiede in der Verarbeitung visueller Veränderungen sowie bei der Betrachtung emotionaler Gesichtsausdrücke (Jagiellowicz et al., 2011; Acevedo et al., 2014).
Das ist interessant.
Aber wir sprechen dort von 16 beziehungsweise 18 Teilnehmenden.
Daraus würde ich keine Schlagzeile machen wie:
„Das hochsensible Gehirn funktioniert völlig anders.“
Dafür ist die Datenlage viel zu klein.
Interviewer: Aber völlig eingebildet ist Hochsensibilität eben auch nicht.
Dr. Bannwolf: Genau.
Und vielleicht ist das die vernünftigste Position zwischen zwei Extremen.
Man muss Hochsensibilität weder zur geheimen Superkraft erklären noch als Internetmode abtun.
Es gibt ein wissenschaftlich untersuchtes Merkmal.
Nur ist die Forschung dazu wesentlich nüchterner als manches, was daraus im Netz geworden ist.
Was günstige Umgebungen verändern: Vantage Sensitivity bei Hochsensibilität
Interviewer: Jetzt zum interessanteren Teil für Menschen, die etwas vorhaben.
Ist hohe Sensibilität eher Nachteil oder Vorteil?
Dr. Bannwolf: Die Frage gefällt mir schon besser.
Weil die wahrscheinlich zutreffende Antwort lautet:
Es kommt darauf an.
Interviewer: Sehr hilfreich.
Dr. Bannwolf: Psychologie in zwei Worten.
Interessant ist das Konzept der sogenannten Vantage Sensitivity. Gemeint sind Unterschiede darin, wie stark Menschen nicht nur auf ungünstige, sondern auch auf positive Erfahrungen und Umgebungen reagieren (Pluess & Belsky, 2013).
Greven und Kollegen fassen den Forschungsstand ähnlich zusammen: Eine höhere Sensory Processing Sensitivity kann in belastenden Umgebungen mit größerer Anfälligkeit für stressbezogene Probleme verbunden sein – gleichzeitig können sensiblere Menschen stärker von unterstützenden und positiven Umgebungen profitieren (Greven et al., 2019).
Das ist für mich einer der wichtigsten Befunde des ganzen Themas.
Denn er korrigiert die Vorstellung:
Hochsensibel = fragiler.
Vielleicht ist die bessere Frage:
Wofür ist dieser Mensch besonders empfänglich?
Für schlechte Bedingungen?
Ja, möglicherweise.
Aber eben auch für gute.
Interviewer: Also doch eine Superkraft?
Dr. Bannwolf: Nein.
Bitte lassen Sie uns nicht nach einer halben Stunde wieder von vorne anfangen.
Interviewer: Schade.
Dr. Bannwolf: Stellen Sie sich eher ein Boot mit etwas mehr Segelfläche vor.
Mehr Segelfläche bedeutet nicht automatisch, dass das Boot besser ist.
Bei gutem Wind kann sie ausgesprochen nützlich sein.
Bei einer Böe müssen Sie allerdings wissen, wann Sie reffen.
Das Entscheidende ist also nicht, stolz möglichst viel Tuch zu zeigen.
Das Entscheidende ist, damit umgehen zu können.
Und genau da wird Hochsensibilität für ambitionierte Menschen interessant.
Muss man sich als hochsensibler Mensch mehr schonen?
Interviewer: Das wäre meine nächste Frage.
Wenn jemand beruflich viel erreichen will, ein Unternehmen führt, Sport macht, Familie hat und gleichzeitig hochsensibel ist:
Muss dieser Mensch sein Leben vorsichtiger gestalten?
Dr. Bannwolf: Nicht zwangsläufig vorsichtiger.
Vielleicht bewusster.
Ich würde Hochsensibilität jedenfalls nicht als Freibrief für permanente Vermeidung verstehen.
Das wäre für mich eine ziemlich ungünstige Interpretation.
Interviewer: Also nicht: „Das kann ich nicht, ich bin hochsensibel“?
Dr. Bannwolf: Genau da würde ich aufmerksam werden.
Es gibt Situationen, in denen eine hohe Reizdichte tatsächlich belastender sein kann.
Aber zwischen
„Das kostet mich mehr“
und
„Deshalb kann ich es nicht“
liegt psychologisch ein ziemlich großer Raum.
Und für ambitionierte Menschen ist dieser Raum entscheidend.
Es gibt Termine, die anstrengend sind.
Schwierige Gespräche.
Flughäfen.
Messen.
Vorstandssitzungen.
Wettkämpfe.
Kindergeburtstage übrigens auch.
Nicht alles im Leben lässt sich auf die ideale persönliche Reizdichte optimieren.
Interviewer: Das klingt deutlich weniger kuschelig als viele Texte über Hochsensibilität.
Dr. Bannwolf: Ich halte es eher für respektvoll.
Wenn ein Merkmal bedeutet, dass bestimmte Situationen für mich anspruchsvoller sind, kann ich lernen, besser damit umzugehen.
Ich muss daraus keine Identität bauen, die mir erklärt, was ich alles nicht mehr tun sollte.
Manchmal muss eine Präsentation eben fertig werden.
Manchmal muss ein schwieriges Gespräch geführt werden.
Und manchmal steht man morgens um sechs am Flughafen und der Lautsprecher fragt zum vierten Mal nach Herrn Schmidt.
Das Leben hat leider keine Einstellung „reizarm“.
Die vernünftige Frage lautet deshalb:
Wie organisiere ich Belastung so, dass ich leistungsfähig bleibe, ohne mich permanent zu überfahren?
Das ist etwas anderes als Schonung.
Hochsensibilität im Beruf: Problem oder Stärke?
Interviewer: Wie sieht es konkret im Beruf aus?
Dr. Bannwolf: Auch dort spricht vieles gegen einfache Etiketten.
Eine Untersuchung mit 1.019 Beschäftigten zeigte beispielsweise, dass bestimmte Facetten der Sensitivität den Zusammenhang zwischen hohen Arbeitsanforderungen und emotionaler Erschöpfung verstärkten. Gleichzeitig verstärkte eine niedrige Reizschwelle auch den positiven Zusammenhang zwischen Arbeitsressourcen und hilfreichem Verhalten gegenüber anderen (Vander Elst et al., 2019).
Das ist ziemlich elegant.
Dieselbe Sensitivität kann also auf beiden Seiten relevant werden.
Eine weitere Studie fand ebenfalls unterschiedliche Zusammenhänge einzelner Sensitivitätsfacetten mit Burnoutmerkmalen (Golonka & Gulla, 2021).
Und eine Untersuchung aus Italien deutet darauf hin, dass die Wirkung von Arbeitsstressoren auch vom Führungsumfeld abhängen kann – besonders bei Menschen mit höherer Sensitivität (Onesti et al., 2024).
Interviewer: Dann gibt es also keine Liste mit den zehn besten Berufen für Hochsensible?
Dr. Bannwolf: Zum Glück nicht.
Ich halte solche Listen ohnehin für merkwürdig.
Menschen wählen Berufe nicht mit einem einzigen Persönlichkeitsmerkmal.
Ein hochsensibler Mensch kann hervorragend Chirurgin sein.
Unternehmer.
Musikerin.
Softwareentwickler.
Verkäuferin.
Oder Geschäftsführer.
Entscheidender dürfte häufig die konkrete Umwelt sein.
Wie viel Autonomie habe ich?
Wie vorhersehbar ist mein Tag?
Wie hoch ist die permanente Reizdichte?
Wie funktioniert mein Team?
Kann ich konzentriert arbeiten?
Und habe ich Einfluss darauf, wann ich welche Aufgabe erledige?
Das ist wesentlich interessanter als die Frage:
Welcher Beruf passt zu Hochsensiblen?
Hochsensibel als Führungskraft oder Executive: Was bedeutet das praktisch?
Interviewer: Jetzt sind wir bei Ihrer eigentlichen Klientel.
Sind hochsensible Führungskräfte möglicherweise besonders gute Führungskräfte?
Dr. Bannwolf: Auch daraus würde ich kein Gütesiegel machen.
Eine hohe Sensitivität könnte bei manchen Menschen bedeuten, dass sie Zwischentöne schneller wahrnehmen.
Stimmungen.
Irritationen.
Veränderungen.
Vielleicht auch Details, die anderen entgehen.
Das kann in Führung ausgesprochen nützlich sein.
Es kann aber ebenso bedeuten, dass ein Tag mit acht Gesprächen, zwei Konflikten, einem Board-Meeting und anschließendem Abendessen mehr Verarbeitung hinterlässt.
Interviewer: Also wieder beide Seiten.
Dr. Bannwolf: Genau.
Und hier finde ich eine bodenständige Haltung besonders wichtig.
Wer Verantwortung trägt, kann nicht jede unangenehme Situation vermeiden.
Ein Geschäftsführer kann schlecht sagen:
„Die Restrukturierung besprechen wir nicht, weil die Stimmung im Raum heute sehr intensiv ist.“
Vielleicht nimmt er diese Stimmung tatsächlich stärker wahr.
Dann ist das eine Information.
Aber die Entscheidung muss trotzdem getroffen werden.
Die Kunst liegt darin, Sensitivität als Sensorik zu nutzen, ohne sich von jedem Signal steuern zu lassen.
Interviewer: Das gefällt mir.
Dr. Bannwolf: Mir auch.
Deshalb würde ich es wahrscheinlich sofort wieder relativieren.
Ein Mensch ist kein Messgerät.
Nicht jede Wahrnehmung ist richtig, nur weil sie intensiv ist.
Wer viel wahrnimmt, muss genauso prüfen:
Was davon ist Information?
Was ist Interpretation?
Was ist meine eigene Anspannung?
Und was verlangt tatsächlich eine Reaktion?
Das ist gerade bei Menschen mit hoher Verantwortung wichtig.
Hochsensibilität und Sport: Muss Training sanfter sein?
Interviewer: Sie sind selbst Ausdauersportler. Müssen Hochsensible anders trainieren?
Dr. Bannwolf: Die bisherige Forschung gibt jedenfalls keinen vernünftigen Grund für den Satz:
Hochsensible können nicht hart trainieren.
Eine Studie aus 2025 fand keine signifikanten Unterschiede der Sensitivitätswerte zwischen ausreichend und unzureichend körperlich aktiven Erwachsenen. Menschen mit höherer Sensitivität bevorzugten im Mittel allerdings eher niedrigere Trainingsintensitäten (Webb, 2025).
Das ist ein interessanter Unterschied:
Präferenz ist keine Leistungsgrenze.
Interviewer: Also darf der Hochsensible trotzdem Intervalle laufen?
Dr. Bannwolf: Ich hoffe doch.
Sonst müsste vor jedem Tempodauerlauf erst ein Persönlichkeitstest stattfinden.
Interessanter finde ich etwas anderes.
Eine aktuelle Experience-Sampling-Studie mit 139 Erwachsenen zeigte, dass Überreizung unter anderem mit Tageszeit, Anwesenheit anderer Menschen, unangenehmen Geräuschen und visuellen Reizen, Müdigkeit und Stimmung zusammenhing (Weyn et al., 2026).
Das lässt sich wunderbar auf Sport übertragen.
Ein harter Lauf nach einem ruhigen Tag kann etwas völlig anderes sein als derselbe Lauf nach zehn Stunden Messe, drei Kaffees und einer Zugfahrt.
Nicht weil die Beine plötzlich hochsensibel sind.
Sondern weil Belastung sich summiert.
Interviewer: Also Wald statt Laufband im vollen Fitnessstudio?
Dr. Bannwolf: Wenn Ihnen der Wald besser bekommt: selbstverständlich.
Aber nicht, weil irgendwo steht, Hochsensible müssten im Wald laufen.
Das ist genau die Art von Regel, aus der innerhalb von sechs Monaten ein neues Coachingprogramm entsteht.
Was hilft gegen Reizüberflutung, ohne das Leben immer kleiner zu machen?
Interviewer: Jetzt sind wir beim praktischen Teil.
Was macht man, wenn man tatsächlich schneller überreizt?
Dr. Bannwolf: Zunächst beobachten.
Nicht bewerten.
Wann passiert es?
Nach wie vielen Gesprächen?
Zu welcher Tageszeit?
Bei welcher Art von Geräusch?
Wenn ich müde bin?
Hungrig?
Unter Zeitdruck?
In Gruppen?
Eine aktuelle Alltagsstudie zeigt genau solche situativen Zusammenhänge von Überreizung (Weyn et al., 2026).
Das finde ich wesentlich hilfreicher als den Satz:
„Ich bin eben hochsensibel.“
Denn der erklärt zwar etwas.
Aber er verändert noch nichts.
Interviewer: Und dann?
Dr. Bannwolf: Dann wird man praktisch.
Vielleicht konzentrierte Arbeit nicht permanent zwischen Teams-Chat, Telefon und offener Tür.
Vielleicht nach einem sehr sozialen Tag nicht noch drei private Termine.
Vielleicht zehn Minuten Stille zwischen zwei anspruchsvollen Gesprächen.
Vielleicht Kopfhörer.
Vielleicht Bewegung.
Vielleicht ein Waldlauf.
Vielleicht einfach einmal keine Podcasts auf dem Heimweg.
In einer qualitativen Studie nannten fast alle der 26 befragten Menschen mit hoher Sensitivität Alleinsein und ruhige Umgebungen als Strategien im Umgang mit Überreizung (Bas et al., 2021).
Das darf man ernst nehmen.
Nur würde ich daraus keinen Lebensentwurf des Rückzugs machen.
Der Hafen gehört zur Route.
Aber ein Boot wird nicht dafür gebaut, dauerhaft im Hafen zu liegen.
Wann wird „Ich bin hochsensibel“ zur Ausrede?
Interviewer: Jetzt die etwas unfreundliche Frage.
Kann Hochsensibilität auch zur Ausrede werden?
Dr. Bannwolf: Natürlich.
Wie fast jede psychologische Erklärung.
Interviewer: Das war erstaunlich schnell.
Dr. Bannwolf: Weil ich die Frage wichtig finde.
Eine Erklärung kann entlasten.
Das ist gut.
Plötzlich versteht jemand:
Deshalb bin ich nach solchen Tagen so erschöpft.
Deshalb brauche ich nach großen Gruppen Ruhe.
Deshalb nehme ich bestimmte Dinge offenbar stärker wahr.
Das kann ausgesprochen hilfreich sein.
Aber irgendwann kommt die zweite Frage:
Und was mache ich jetzt damit?
Wenn das Etikett ausschließlich dazu dient, jede unangenehme Anforderung zu vermeiden, wird aus Selbsterkenntnis möglicherweise Selbstbegrenzung.
Das gilt nicht nur für Hochsensibilität.
Es gilt für viele psychologische Begriffe.
Interviewer: Wo ziehen Sie die Grenze?
Dr. Bannwolf: Vielleicht hier:
Eine gute Erklärung erweitert Ihren Handlungsspielraum.
Eine schlechte Erklärung verkleinert ihn.
Wenn ich weiß, dass mich ein voller Konferenztag stärker beansprucht, kann ich meinen Tag klüger organisieren.
Wenn ich daraus schließe, dass Konferenzen grundsätzlich nichts für Menschen wie mich sind, habe ich aus einer Information eine Identität gemacht.
Das muss nicht immer falsch sein.
Aber ich würde es prüfen.
Und wann erklärt Hochsensibilität eben nicht mehr genug?
Interviewer: Das führt zur klinischen Grenze.
Wann sollte man nicht mehr sagen: „Ich bin halt hochsensibel“?
Dr. Bannwolf: Wenn das Etikett anfängt, andere wichtige Erklärungen zu verdecken.
Hochsensibilität beziehungsweise Sensory Processing Sensitivity wird als Temperamentsmerkmal untersucht. Sie ist keine psychische Diagnose.
Sie überschneidet sich mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen – unter anderem mit Neurotizismus und Introversion –, geht darin aber nicht vollständig auf (Aron & Aron, 1997; Lionetti et al., 2019).
Und natürlich kann ein Mensch gleichzeitig hochsensibel sein und beispielsweise unter einer Angststörung oder Depression leiden.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Interviewer: Also ist „Das liegt an meiner Hochsensibilität“ manchmal zu einfach.
Dr. Bannwolf: Genau.
Wenn jemand seit Wochen kaum schläft, ständig Angst hat, sich immer weiter zurückzieht, nichts mehr genießen kann oder im Alltag deutlich eingeschränkt ist, interessiert mich das Etikett zunächst weniger als die konkrete Symptomatik.
Dann braucht es gegebenenfalls eine fachliche diagnostische Abklärung.
Nicht noch einen Online-Test.
Coaching ist keine Heilbehandlung.
Und Hochsensibilität ist keine Universaldiagnose für alles, was sich intensiv anfühlt.
Eine letzte Frage: Was würden Sie jemandem sagen, der gerade entdeckt hat, dass er hochsensibel ist?
Interviewer: Ein Satz.
Dr. Bannwolf: Natürlich.
Dann vielleicht:
Machen Sie aus einer interessanten Information über sich selbst weder einen Defekt noch einen Adelstitel – Sensibilität ist eine Eigenschaft, keine Lebensleistung.
Interviewer: Das war tatsächlich nur ein Satz.
Dr. Bannwolf: Ich entwickle mich.
Interviewer: Und etwas weniger pointiert?
Dr. Bannwolf: Finden Sie heraus, was Sie stärker wahrnehmen, was Sie stärker beansprucht und wovon Sie möglicherweise auch stärker profitieren.
Gestalten Sie die Dinge, die sich gestalten lassen.
Lernen Sie mit den Dingen umzugehen, die sich nicht gestalten lassen.
Und erledigen Sie weiterhin, was erledigt werden muss.
Interviewer: Das klingt überraschend normal.
Dr. Bannwolf: Das wäre für mich bei diesem Thema ein gutes Ergebnis.
Das Wichtigste aus diesem Kamingespräch
Hochsensibilität ist ein wissenschaftlich untersuchtes Temperamentsmerkmal. In der Forschung wird meist von Sensory Processing Sensitivity (SPS) gesprochen: einem Merkmal, das Unterschiede darin beschreibt, wie empfänglich Menschen für innere und äußere Reize sowie ihre Umwelt sind. Es handelt sich nicht um eine psychische Diagnose (Greven et al., 2019; Konrad & Herzberg, 2019).
„Hochsensibel“ ist dabei kein sauberer An/Aus-Schalter. In einer Studie mit 906 Erwachsenen fanden Lionetti und Kollegen drei Gruppen entlang eines Sensitivitätskontinuums: 31 Prozent mit hoher, 40 Prozent mit mittlerer und 29 Prozent mit niedriger Sensitivität (Lionetti et al., 2018). Diese Prozentwerte sind ein Studienbefund und keine universelle Bevölkerungsquote.
Sensitivität hat wahrscheinlich sowohl genetische als auch umweltbezogene Grundlagen. In einer Zwillingsstudie mit 2.868 Jugendlichen wurde die Heritabilität auf 0,47 geschätzt (Assary et al., 2021).
Entscheidend ist die Doppelseite des Merkmals: Höhere Sensitivität kann ungünstige Umgebungen belastender machen, zugleich können sensiblere Menschen stärker von positiven und unterstützenden Bedingungen profitieren (Greven et al., 2019; Pluess & Belsky, 2013).
Für ambitionierte Menschen folgt daraus weder Schonung noch Selbstoptimierung um jeden Preis. Sinnvoller ist eine nüchterne Frage: Was beansprucht mich stärker, was hilft mir besonders – und wie organisiere ich beides, ohne mein Leben um ein Etikett herumzubauen?
Häufige Fragen zu Hochsensibilität bei Erwachsenen
Was bedeutet hochsensibel bei Erwachsenen?
In der Forschung wird Hochsensibilität meist als Sensory Processing Sensitivity (SPS) untersucht. Gemeint ist ein Temperamentsmerkmal, das Unterschiede in der Empfänglichkeit und Verarbeitung innerer und äußerer Reize beschreibt. Es ist keine psychische Diagnose (Greven et al., 2019; Konrad & Herzberg, 2019).
Wie viele Menschen sind hochsensibel?
Eine exakte allgemeingültige Quote gibt es nicht. In einer Studie mit 906 Erwachsenen wurden 31 Prozent einer hochsensiblen, 40 Prozent einer mittleren und 29 Prozent einer niedrig sensiblen Gruppe zugeordnet (Lionetti et al., 2018). Andere Arbeiten nennen ungefähr 20 bis 30 Prozent im hohen Bereich. Wichtiger als die Prozentzahl ist: Sensitivität wird als Kontinuum verstanden, nicht als Schalter zwischen „hochsensibel“ und „nicht hochsensibel“.
Gibt es einen wissenschaftlichen Test für Hochsensibilität?
Es gibt wissenschaftlich untersuchte Fragebögen, insbesondere die Highly Sensitive Person Scale von Aron und Aron (1997). Für den deutschen Sprachraum wurde ebenfalls eine validierte Fassung untersucht (Konrad & Herzberg, 2019). Ein hoher Fragebogenwert beschreibt jedoch eine Merkmalsausprägung und stellt keine Diagnose. Auch die Forschung weist darauf hin, dass objektivere Messverfahren für Sensory Processing Sensitivity weiterentwickelt werden müssen (Greven et al., 2019).
Ist Hochsensibilität eine psychische Störung?
Nein. Sensory Processing Sensitivity wird in der Forschung als Temperaments- beziehungsweise Persönlichkeitsmerkmal untersucht, nicht als psychische Störung (Greven et al., 2019). Anhaltende Angst, depressive Beschwerden, starke Erschöpfung oder erhebliche Einschränkungen im Alltag sollten deshalb nicht allein mit „Hochsensibilität“ erklärt werden, sondern gegebenenfalls fachlich abgeklärt werden.
Ist Hochsensibilität dasselbe wie Introversion?
Nein. Hochsensibilität überschneidet sich mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Neurotizismus und teilweise Introversion beziehungsweise Extraversion, ist damit aber nicht identisch. Bereits Aron und Aron (1997) beschrieben Sensory Processing Sensitivity als teilweise unabhängig von Introversion und Emotionalität. Auch spätere Forschung spricht für Überschneidungen, aber nicht für Gleichsetzung.
Ist Hochsensibilität vererbbar?
Teilweise. In einer Zwillingsstudie mit 2.868 Jugendlichen wurde die Heritabilität von Umweltsensitivität auf 0,47 geschätzt (Assary et al., 2021). Das bedeutet nicht, dass ein einzelner Mensch „zu 47 Prozent hochsensibel geboren“ wird. Die Zahl beschreibt vielmehr, welcher Anteil der Unterschiede zwischen Menschen in dieser untersuchten Population statistisch mit genetischen Unterschieden zusammenhing.
Sind Frauen häufiger hochsensibel als Männer?
Einige Befragungsstudien finden höhere Sensitivitätswerte bei Frauen. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, dass Frauen biologisch häufiger hochsensibel sind. Unterschiede können auch durch Stichprobenauswahl, Selbstwahrnehmung oder Antwortverhalten beeinflusst werden. Für den einzelnen Menschen ist das Geschlecht deshalb kein brauchbares Kriterium dafür, ob eine hohe Sensitivität vorliegt.
Welche Vorteile kann Hochsensibilität haben?
Höhere Sensitivität bedeutet nicht nur stärkere Belastung durch negative Reize. Das Konzept der Vantage Sensitivity beschreibt, dass sensiblere Menschen auch stärker von positiven Erfahrungen und unterstützenden Umgebungen profitieren können (Pluess & Belsky, 2013). Die Forschung spricht deshalb eher für eine erhöhte Empfänglichkeit in beide Richtungen als für eine pauschale „Schwäche“ oder „Superkraft“ (Greven et al., 2019).
Welche Berufe passen zu hochsensiblen Menschen?
Eine wissenschaftlich begründete Liste von „Berufen für Hochsensible“ gibt es nicht. Wichtiger sind Merkmale der konkreten Arbeitsumgebung: Arbeitsanforderungen, Autonomie, soziale Unterstützung, Reizdichte und Führung können für Menschen mit hoher Sensitivität unterschiedlich bedeutsam sein (Vander Elst et al., 2019; Onesti et al., 2024). Deshalb ist die bessere Frage nicht „Welcher Beruf passt zu Hochsensiblen?“, sondern „Unter welchen Bedingungen kann dieser Mensch gut arbeiten?“.
Hochsensibel und Sport: Welche Bewegung passt?
Grundsätzlich gibt es keinen Forschungsbefund, nach dem hochsensible Menschen bestimmte Sportarten meiden müssten. Eine Studie fand keine signifikant unterschiedlichen Sensitivitätswerte zwischen ausreichend und unzureichend aktiven Erwachsenen; höhere Sensitivität ging jedoch mit einer stärkeren Präferenz für niedrigere Trainingsintensitäten einher (Webb, 2025). Präferenz ist dabei keine Leistungsgrenze. Entscheidend bleibt die individuelle Belastungssteuerung.
Was hilft bei Reizüberflutung?
Hilfreich ist zunächst, die eigene Reizbelastung konkret statt pauschal zu beobachten: Tageszeit, Müdigkeit, Geräusche, soziale Situationen und Stimmung können Überreizung beeinflussen (Weyn et al., 2026). In einer qualitativen Studie nannten viele hochsensible Erwachsene außerdem Stille, Alleinsein und die Reduktion sensorischer Reize als hilfreiche Strategien (Bas et al., 2021). Reizmanagement muss dabei nicht Rückzug bedeuten: Ziel ist ein größerer Handlungsspielraum, nicht ein immer kleineres Leben.
Kann sich Hochsensibilität im Erwachsenenalter verändern?
Sensitivität wird als relativ stabiles Merkmal verstanden, der Umgang damit kann sich jedoch deutlich verändern. Menschen können lernen, Belastungen früher zu erkennen, Umgebungen bewusster auszuwählen und ihre persönlichen Ressourcen besser einzusetzen. Das Temperament muss also nicht „weg“ – entscheidender ist, wie flexibel jemand damit leben und handeln kann.
Wenn Hochsensibilität nicht mehr genug erklärt
Hochsensibilität erklärt vieles – aber nicht alles.
Wenn Reizüberflutung in anhaltende Angst, Rückzug, starke Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit übergeht, sollte nicht automatisch angenommen werden, dies gehöre eben zur eigenen Sensibilität. Sensory Processing Sensitivity ist ein Temperamentsmerkmal und keine Universaldiagnose.
Wenn Beschwerden über längere Zeit bestehen oder den Alltag deutlich beeinträchtigen, kann eine medizinische beziehungsweise psychotherapeutische Abklärung sinnvoll sein. Coaching ersetzt keine Heilbehandlung.
Wenn Hoffnungslosigkeit entsteht oder Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, sollte nicht auf eine ruhigere Phase gewartet werden. Die Hausarztpraxis kann eine erste Anlaufstelle sein. Über die 116 117 lässt sich medizinische beziehungsweise psychotherapeutische Hilfe vermitteln. Die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 rund um die Uhr erreichbar. Bei unmittelbarer Gefahr gilt 112.
Bilanz: Sensibel sein – und trotzdem machen
Vielleicht liegt das Missverständnis bei Hochsensibilität in beiden Extremen.
Sie ist weder ein Defekt, den man überwinden muss, noch ein besonderes Prädikat, aus dem sich automatisch Kreativität, Empathie oder außergewöhnliche Begabung ableiten lassen.
Sensory Processing Sensitivity beschreibt zunächst Unterschiede darin, wie empfänglich Menschen für ihre Umwelt sind. Diese Empfänglichkeit kann ungünstige Bedingungen belastender machen und positive Bedingungen wertvoller (Greven et al., 2019).
Für ambitionierte Menschen folgt daraus etwas ausgesprochen Bodenständiges:
Nehmen Sie ernst, was Sie stärker beansprucht.
Nutzen Sie, was Sie möglicherweise besonders gut wahrnehmen.
Gestalten Sie Ihre Umgebung dort, wo es vernünftig möglich ist.
Und lernen Sie, mit den Anforderungen umzugehen, die sich nicht passend gestalten lassen.
Mehr Segelfläche ist kein Fehler im Boot. Sie verlangt nur, dass man weiß, wann man refft und trotzdem weitersegelt.
Literatur
Acevedo, B. P., Aron, E. N., Aron, A., Sangster, M.-D., Collins, N., & Brown, L. L. (2014). The highly sensitive brain: An fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others’ emotions. Brain and Behavior, 4(4), 580–594. https://doi.org/10.1002/brb3.242
Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368. https://doi.org/10.1037/0022-3514.73.2.345
Assary, E., Zavos, H. M. S., Krapohl, E., Keers, R., & Pluess, M. (2021). Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: A twin study with adolescents. Molecular Psychiatry, 26(9), 4896–4904. https://doi.org/10.1038/s41380-020-0783-8
Bas, S., Kaandorp, M., de Kleijn, Z. P. M., Braaksma, W. J. E., Bakx, A. W. E. A., & Greven, C. U. (2021). Experiences of adults high in the personality trait sensory processing sensitivity: A qualitative study. Journal of Clinical Medicine, 10(21), 4912. https://doi.org/10.3390/jcm10214912
Greven, C. U., Lionetti, F., Booth, C., Aron, E. N., Fox, E., Schendan, H. E., Pluess, M., Bruining, H., Acevedo, B., Bijttebier, P., & Homberg, J. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 98, 287–305. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.01.009
Golonka, K., & Gulla, B. (2021). Individual differences and susceptibility to burnout syndrome: Sensory processing sensitivity and its relation to exhaustion and disengagement. Frontiers in Psychology, 12, 751350. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.751350
Konrad, S., & Herzberg, P. Y. (2019). Psychometric properties and validation of a German High Sensitive Person Scale (HSPS-G). European Journal of Psychological Assessment, 35(3), 364–378. https://doi.org/10.1027/1015-5759/a000411
Lionetti, F., Aron, A., Aron, E. N., Burns, G. L., Jagiellowicz, J., & Pluess, M. (2018). Dandelions, tulips and orchids: Evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24. https://doi.org/10.1038/s41398-017-0090-6
Lionetti, F., Pastore, M., Moscardino, U., Nocentini, A., Pluess, K., & Pluess, M. (2019). Sensory Processing Sensitivity and its association with personality traits and affect: A meta-analysis. Journal of Research in Personality, 81, 138–152. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2019.05.013
Onesti, G., Bellante, F., Lionetti, F., Fasolo, M., & Palumbo, R. (2024). The interplay among environmental sensitivity, job stressors, and leadership styles on employee well-being. Scientific Reports, 14, 27397. https://doi.org/10.1038/s41598-024-78562-5
Pluess, M., & Belsky, J. (2013). Vantage sensitivity: Individual differences in response to positive experiences. Psychological Bulletin, 139(4), 901–916. https://doi.org/10.1037/a0030196
Vander Elst, T., Sercu, M., Van den Broeck, A., Van Hoof, E., Baillien, E., & Godderis, L. (2019). Who is more susceptible to job stressors and resources? Sensory-processing sensitivity as a personal resource and vulnerability factor. PLOS ONE, 14(11), e0225103. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225103
Webb, B. L. (2025). Sensory processing sensitivity and its relation to exercise behavior and preferred exercise intensity. Journal of Functional Morphology and Kinesiology, 10(1), 18. https://doi.org/10.3390/jfmk10010018
Weyn, S., Greven, C. U., Schmidt, S. J., & Gillebert, C. R. (2026). Sensory processing sensitivity and overstimulation in daily life: An experience sampling method study. Scientific Reports, 16, 2015. https://doi.org/10.1038/s41598-025-31629-3